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Bürgerliche Revolutionärin

Marie Lang und die „Dokumente der Frauen“

Mit den „Dokumenten der Frauen“ gründete Marie Lang (1858–1934), gemeinsam mit Auguste Fickert (1855–1910) und Rosa Mayreder (1858–1938), in Wien eine der einflussreichsten und angesehensten Zeitschriften der bürgerlich-liberalen Frauenbewegung. Das kleinformatige Blatt erschien nur wenige Jahre (1899–1902) und in relativ geringer Auflage. Es gilt aber als Paradebeispiel einer emanzipatorischen Zeitschrift, die bürgerlichen Frauen ein Fenster in eine freiere, gleichberechtigtere Welt öffnete.

Kämpferin für gleiche Rechte

„Ich kannte keine unterdrückten Frauen“

Es war ein Winterabend Anfang der 1890er-Jahre, an dem Marie Lang zur Feministin wurde. Die Rechtsanwaltsgattin und Mutter von vier Kindern, das jüngste noch ein Baby, hatte sich bis dahin nicht für die Frauenbewegung interessiert. Sie sah schlicht keine Notwendigkeit dafür. Zwar brannte sie für Menschenrechte – doch Frauenrechte? Wozu? 

Sie war in einer Familie aufgewachsen, in der die weiblichen Mitglieder keineswegs kleingehalten wurden. Im Gegenteil: „In unserem Haus“, erinnerte sie sich im Jahr 1930 zurück, „war die Frau Gebieterin. Meine Mutter war Herrin in ihrem Reich, der gehuldigt wurde. Ich kannte keine unterdrückten Frauen – unglückliche ja.“

Ein Bild von einer gutbürgerlichen Mutter: Marie Lang mit zwei Kindern. 

Durch Zufall kam sie nun zu ihrer ersten Frauenversammlung. Eine Bekannte hatte sie zu einer Sitzung des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereines (AÖFV) mitgenommen. Als sich die Vorsitzende, Auguste Fickert, zu einer Rede erhob, war Marie Lang von ihrer Erscheinung mit durchdringenden blauen Augen und silberweißem Haar tief beeindruckt.

„Unauslöschlicher Eindruck!“


„Groß und schlank, fest und streng die ganze Gestalt. Überragend! (…) Und nun kam ihre Rede. Ganz schlicht, ganz sachlich, (…) beinahe kalt, aber vielleicht gerade darum von überwältigender Kraft, vielleicht gerade darum das Innere aufrüttelnd, das Gewissen des atemlos Zuhörenden geradezu bedrohend. Unauslöschlicher Eindruck! (...) Hochaufgerichtet stand sie da, wie ein Erzengel mit dem feurigen Schwert! (…) Und ich ging hin und meldete mich.“

Marie Lang: Wie ich zur Arbeit an der Frauenbewegung kam (1930) – online lesen auf ANNO

Das 1929 im Türkenschanzpark im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing errichtete Fickert-Denkmal mit dessen Schöpfer Franz Seifert (1866–1951).

Bald stand Marie Lang selbst in der ersten Reihe des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, um gegen die schreiende Ungerechtigkeit zu kämpfen, die Frauen traf: Höhere Bildung blieb ihnen verwehrt, Gymnasium und Universität waren für sie verschlossen. In der Familie waren sie quasi unmündig, dem Vater oder dem Ehemann unterstellt. Und von politischer Mitbestimmung waren sie ausgeschlossen – ganz oben auf der Agenda des Vereins stand daher das Wahlrecht für Frauen. 

Den Aktivist*innen schlug in der frauenfeindlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein rauer Wind entgegen. Jeder noch so kleine Schritt in Richtung Geleichberechtigung musste hart erkämpft werden.

  • Der Allgemeine Österreichische Frauenverein (AÖFV) wurde 1893 gegründet und gilt als erster dauerhaft bestehender Frauenverein, der sich ausdrücklich politisch definierte. Ziel war die staatsbürgerliche Gleichstellung von Frauen sowie ihre Zulassung zu allen Bildungswegen und Berufsmöglichkeiten. Mit Stellungnahmen zu aktuellen sozialen Fragen – von Mutterschutz über Prostitution und Sexualität bis hin zum Frauenstimmrecht – trug der AÖFV wesentlich zur Politisierung von Frauen bei. 

    Zu den prägenden Persönlichkeiten der ersten Jahre zählten neben Auguste Fickert unter anderem Rosa Mayreder, Ottilie Turnau, Marie Musill, Marie Lang und Therese Schlesinger.

  • In: Wiener Bilder, 13. Juli 1904, S. 10
Schwarz-weiß-Gruppenfoto um 1904: Rund fünfzig Personen des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, in mehreren Reihen, im Zentrum Auguste Fickert
  • In: Wiener Bilder, 13. Juli 1904, S. 10

Kämpften unerschrocken für gleiche Rechte: Mitglieder des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins; im Zentrum: Auguste Fickert (1. Reihe, 4. von links). Marie Lang ist auf diesem Foto aus dem Jahr 1904 nicht zu sehen – zu diesem Zeitpunkt war sie nach Zerwürfnissen bereits aus dem Verein ausgetreten.

Geburtsstunde der „Dokumente“

Der Allgemeine Österreichische Frauenverein brauchte eine Möglichkeit, seine Anliegen und Themen in die Welt zu tragen. Bisher hatten verschiedene Blätter gelegentlich Platz für Beiträge eingeräumt. Ende der 1890er-Jahre zeichnete sich jedoch immer stärker ab: Eine eigene Zeitschrift war dringend nötig. Schon im Sommer 1897 schmiedeten sie erste Pläne, und im Dezember des folgenden Jahres war alles unter Dach und Fach: Auguste Fickert, Rosa Mayreder und Marie Lang gründeten die neue Zeitschrift.

  • Marie Lang (1858–1934) wurde in Wien als Marie Wisgrill in eine wohlhabende Zimmererfamilie geboren. 1881 heiratete sie Theodor Köchert, den Sohn eines Hofjuweliers. Doch die Verbindung hielt nicht lange. Nach der Geburt ihres Sohnes Erich (1882–1949) verliebte sie sich in den Jusstudenten und späteren Rechtsanwalt Edmund Lang und verließ ihren Gatten. Mit einem solchen Schritt riskierte eine bürgerliche Frau damals ihren guten Ruf und damit ihre Existenz. 

    Mit Edmund Lang (1860–1918), den sie 1885 heiratete, bekam sie drei weitere Kinder: Heinz (1885–1904), Erwin (1886–1962) und Lilith (1891–1952). Ihr Haus war Mittelpunkt eines intellektuellen Kreises, dem auch der Komponist Hugo Wolf angehörte.

    Marie Lang wurde nicht nur als herzlich und überschwänglich beschrieben, sondern auch als mutige Aktivistin, die trotz ihrer bürgerlichen Herkunft keine Scheu hatte, sich mit der Arbeiter*innenschaft zu verbünden. Als etwa Bürgerliche und Arbeiterinnen gemeinsam gegen die unwürdige und brutale Behandlung von Frauen und Mädchen durch die Polizei demonstrierten, stand sie – neben der Sozialdemokratin Adelheid Popp – an der Spitze des Protests.

  • Marie Lang

  • In: Marie Lang. Gedenkblatt des Settlement (1935)
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Marie Lang, sitzend mit hochgestecktem Haar und Buch im Schoß, Blick in die Kamera..
  • Marie Lang

  • In: Marie Lang. Gedenkblatt des Settlement (1935)

Marie Lang

  • „Die Frau gehört in’s Haus.“ Dieser Grundsatz bestimmte das Leben vieler bürgerlicher Familien im Wien des 19. Jahrhunderts. Auch Rosa Mayreder, geborene Obermayer (1858–1938), wuchs damit auf, als eines von 13 Kindern einer Gastwirtsfamilie – ohne Freiräume, ohne Zugang zu höherer Bildung. Sie kämpfte darum, mit ihren Brüdern Latein und Griechisch mitlernen zu dürfen. Gegen alle Widerstände setzte sie eine künstlerische Ausbildung durch und brachte es als Malerin zu beachtlichen Erfolgen. 

    1881 heiratete sie den Architekten Karl Mayreder (1856–1935). 

    Rosa Mayreder wandte sich verstärkt dem Schreiben zu und verfasste – neben Romanen, Gedichten oder einem Opernlibretto – theoretische Werke zur sogenannten Frauenfrage, etwa die 1905 erschienene „Kritik der Weiblichkeit“.

  • Rosa Mayreder

  • ÖNB-Signatur: Pf 7966:C (1) POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Rosa Mayreder, mit Blick in Richtung Kamera; ihre Haare sind hinten zusammengesteckt.
  • Rosa Mayreder

  • ÖNB-Signatur: Pf 7966:C (1) POR MAG

Rosa Mayreder

  • Die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Auguste Fickert (1855–1910), auch Gusti oder Bille genannt, absolvierte die Lehrerinnenbildungsanstalt St. Anna in Wien und arbeitete ihr Leben lang als Volksschullehrerin. Besonders empörte sie die unfaire Behandlung der Lehrerinnen gegenüber der männlichen Kollegenschaft. So erhielten Frauen für gleiche Arbeit weniger Lohn und durften nicht heiraten. 

    Weitere Anliegen waren Fickert bessere Bildungschancen für Mädchen, die Rechte von Arbeiterinnen und Dienstbotinnen sowie Reformen in Bereichen, die Frauen besonders betrafen – etwa Ehe, Familie und auch Prostitution. 

    Sie führte eine langjährige Beziehung mit Ida Baumann (1845–1913), die ebenfalls als Lehrerin tätig war.

    Als Präsidentin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins war Fickert eine charismatische, von vielen bewunderte (und teils auch gefürchtete) Leitfigur der bürgerlichen Frauenbewegung.

  • Auguste Fickert

  • ÖNB Signatur: Pg 128.529:II(1) POR MAG
Zeichnung in Schwarz und zartem Rosa: Auguste Fickert sitzt, stützt die rechte Hand auf den Tisch und schaut zur Seite, ihr Haar ist hochgesteckt.
  • Auguste Fickert

  • ÖNB Signatur: Pg 128.529:II(1) POR MAG

Auguste Fickert

„O Bille, was ich leide!“

Schließlich fehlte nur noch der Name der Zeitschrift. „Nach Qualen, die wirklich Geburtswehen zu vergleichen sind, entschlossen wir uns für ‚Dokumente‘“, schrieb Marie Lang kurz vor Weihnachten 1898 an Auguste Fickert, auf deren Einverständnis sie „beinahe verzweifelt“ hoffe. „O Bille, was ich leide! O Bille, wie ich manchmal frohlocke!“ 

Im Original verzichtete die Schreiberin übrigens weitgehend auf Beistrichsetzung. Der Brief wird in der Wienbibliothek im Rathaus aufbewahrt und ist als Digitalisat online einsehbar.

Ausschnitt aus einem Brief Marie Langs an Auguste Fickert, 20. Dezember 1898.

Scharlachrote Lettern

Am 8. März 1899 – Marie Langs 41. Geburtstag – war es so weit: Die erste Nummer der „Dokumente der Frauen“ kam frisch aus der Druckerei. 

Es handelte sich um handliche Hefte in einem schlanken Hochformat (etwas schmäler und höher als A5). Den Umschlag aus starkem, griffigem Karton zierte in leuchtend roten Großbuchstaben der Titel: „Dokumente der Frauen“. Die moderne, schnörkellose und hochwertige Aufmachung der Hefte passte zu den anspruchsvollen Inhalten. 

Ebenfalls fortschrittlich mutete das Innere des Blattes an, das meist 32 Seiten umfasste: Diese waren nicht in einer damals weit verbreiteten Frakturschrift gesetzt, sondern in lateinischen Lettern, wie sie uns heute vertraut sind.

Die erste Ausgabe der „Dokumente“. Auf ANNO online in der Zeitschrift blättern.

„Etwas in ihnen ist erwacht“

Von Bescheidenheit, wie man sie damals von bürgerlichen Frauen verlangte, war in den „Dokumenten“ keine Spur. Im Gegenteil. Im Vorwort traten die Herausgeberinnen selbstbewusst in die publizistische Arena:

„Eine grosse Bewegung geht durch die Länder der abendländischen Cultur. Neue Kräfte wachsen aus der Erde; das Leben will eine neue Gestalt annehmen, und in einer verheissungsvollen Erschütterung der Geister kündet sich das kommende Jahrhundert an.

Ein Zug ist dieser Bewegung mehr und bewusster als allen früheren Zeiten der Erhebung eigen; das Auftreten der Frauen im öffentlichen Leben. (…)

Etwas in ihnen ist erwacht, das sie mit Unruhe erfüllt und mit Sehnsucht, etwas, das hinausweist über die Enge des häuslichen Herdes, das verlangend hinausblickt in das ungekannte Gebiet jenseits.“

In: Dokumente der Frauen, Band 1, Nr. 1, S. 1

Der Beginn des ersten Beitrags, mit dem die „Dokumente der Frauen“ sich am 8. März 1899 an die Öffentlichkeit wandten. 

Weiter Horizont

Gegründet wurden die „Dokumente“ in Abgrenzung zu christlichsozialen und katholischen Positionen. Große Differenzen gab es beispielsweise in der Frage des Frauenwahlrechts, das von katholischer Seite weitgehend abgelehnt wurden. Die „Dokumente“ standen, wie es in einer Werbebroschüre hieß, „im Dienste der fortschrittlichen Frauenbewegung“ und vertraten die „wirthschaftlichen, politischen und socialen Interessen aller Frauen“.

Jede Ausgabe enthielt Abhandlungen rund um Themen der sogenannten Frauenfrage, Informationen über Fortschritte und Erfolge der Frauenbewegung sowie über diverse Übelstände. Auch belletristische Beiträge und Rezensionen gehörten zum fixen Programm, das die „gebildeten Kreise des In- und Auslandes“ ansprechen sollte. Der Horizont endete nicht an den Grenzen des Habsburgerreichs, sondern reichte „bis über den Ocean“.

Die Zeitschrift fand in den intellektuellen Zirkeln Wiens und darüber hinaus rasche Verbreitung. Innerhalb eines halben Jahres hatte sie über 1200 Abonnent*innen.

Werbebroschüre für die „Dokumente der Frauen“.

Die „Dokumente“ erschienen zweimal im Monat. Der Preis für ein Jahresabonnement ist auf der Broschüre mit drei Gulden („fl.“ abgekürzt) angegeben. Zum Vergleich: Für diesen Betrag erhielt man damals etwa 4 Kilo Rindfleisch. Für bürgerliche Familien war der Preis wohl durchaus günstig. Für Arbeiter*innen, die ohnehin nicht zur Zielgruppe gehörten, wäre der Betrag ein weit größerer Brocken gewesen. Übrigens: Ein Jahresabo der ebenfalls vierzehntägig erscheinenden „Arbeiterinnen-Zeitung“ kostete im Jahr 1899 einen Gulden und 4 Kreuzer.

Das Kleeblatt zerfällt

Nicht lange nach der Gründung des Blattes kam es zu Differenzen zwischen Lang auf der einen und Fickert sowie Mayreder auf der anderen Seite. Warum die beiden letzteren schließlich ausstiegen, ist nicht genau bekannt. Neben unterschiedlichen Vorstellungen, was Inhalt und Organisation der Unternehmung betraf, liegen auch charakterliche Unterschiede nahe.

Marie Lang blieb als alleinige Herausgeberin zurück. Den Konflikt zwischen den drei Gründerinnen konnten die Leser*innen öffentlich mitverfolgen. Zunächst hatte man versichert, Fickert und Mayreder würden dem Blatt zumindest als Mitarbeiterinnen erhalten bleiben. Einige Wochen später musste dies zurückgenommen werden. Das einstige „Kleeblatt“, wie Marie Lang das Trio einmal bezeichnet hatte, war Geschichte.

Die Herausgeberin der „Dokumente“ wandte sich im Jänner 1900 direkt „An die Leser“; Ausschnitt aus Band 2, Nummer 20.

Wenige Wochen später folgte im Februar 1900 eine weitere Mitteilung „An die Leser“; Ausschnitt aus Band 2, Nummer 23.

Die Blattmacherin vom Naschmarkt

Der Sitz der Redaktion war zugleich die Wohnadresse der Familie Lang: Magdalenenstraße 12, Wien 6, ein stattlicher Neubau am Naschmarkt. Durch eine Umbenennung des Straßenzuges trägt das Haus heute die Adresse Linke Wienzeile 12. 

Blick auf die Linke Wienzeile um 1910. Die „Dokumente“-Redaktion befand sich auf Nummer 12 (hier das zweite Haus von rechts).

  • ÖNB-Signatur: L 9.307C POR MAG
Schwarz-weiß-Fotografie um 1910: Straßenzug mit Pferdewagen im Vordergrund. Eine Person steht hinter zwei Pferden, zwei weitere lehnen am Wagen.
  • ÖNB-Signatur: L 9.307C POR MAG

Blick auf die Linke Wienzeile um 1910. Die „Dokumente“-Redaktion befand sich auf Nummer 12 (hier das zweite Haus von rechts).

Stimmen in den „Dokumenten der Frauen“

Marie Lang kümmerte sich unermüdlich darum, Autor*innen für Beiträge zu gewinnen. Mit Erfolg: Zahlreiche prominente Publizist*innen – Männer wie Frauen – ließen Artikel in den „Dokumenten“ veröffentlichen. Zu finden sind bekannte Namen aus der Frauenbewegung, der Literatur oder der Wissenschaft.

  • „Cultureller Dilettantismus“ lautete der Titel eines Artikels, den die Feuilletonistin und Kritikerin Berta (auch Bertha) Zuckerkandl (1864–1945) am 15. Juli 1899 in den „Dokumenten“ publizierte. 

    Artikel „Cultureller Dilettantismus“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: 203.424 D POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Berta Zuckerkandl, 1908, mit locker hochgestecktem Haar, sitzend und mit direktem Blick in die Kamera.
  • ÖNB-Signatur: 203.424 D POR MAG

Berta Zuckerkandl

„Ist es nicht traurig, dass gerade in Damenkreisen das Wort Frauen-Emancipation vielfach noch Abneigung und Widerwillen hervorruft – weil sie einfach den wahren Sinn der Bewegung nicht begreifen wollen?“

  • Unter dem Titel „Zweierlei“ spielte der Wiener Literat und Feuilletonist Alfred Polgar (1873–1955) in der Ausgabe der „Dokumente“ vom 1. September 1900 kurze Dialoge zwischen Liebenden durch – einmal unter dem Motto „LOVE“, einmal unter „LOVE WILL DIE“. 

    „Zweierlei“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: NB 611.227-B POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Alfred Polgar mit Schnurrbart und Fliege, links an der Kamera vorbeiblickend.
  • ÖNB-Signatur: NB 611.227-B POR MAG

Alfred Polgar

„Ich habe Kopfweh!“

  • Die in Budapest geborene Aktivistin und Journalistin Rosika Schwimmer (1877–1948) rezensierte für die „Dokumente“ das berühmte Werk „Women and Economics“ von Charlotte Perkins-Stetson und kam zu dem Fazit: „Das Buch zu loben, wäre banal. Ich sage nur: lesen Sie es!“ 

    Rezension zu „Women and Economics“ online lesen auf ANNO

  • In: Das Frauenstimmrecht. Festschrift (1913), S. 24
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Rosika Schwimmer, mit Brille und großem Hut, direkt in die Kamera blickend; abgedruckt in einem Buch.
  • In: Das Frauenstimmrecht. Festschrift (1913), S. 24

Rosika Schwimmer

„Wir sehen, wie das im Urzustande überlegene Weib seine Stellung im wirthschaftlichen Leben immer mehr und mehr verliert, bis es endlich in vollständige wirthschaftliche Abhängigkeit vom Manne geräth.“

  • Die in Deutschland geborene Journalistin Oda Olberg (1872–1955) berichtete in der Ausgabe der „Dokumente“ vom 1. November 1900 „Über den Schutz der Frauenarbeit in Italien“.

    Bericht online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: Pf 47592:B (1) POR MAG
Schwarz-Weiß-Porträtfotografie von Oda Olberg, mit mittig gescheiteltem Haar und Stoff um den Hals, in Richtung der Kamera blickend; abgedruckt in einem Buch.
  • ÖNB-Signatur: Pf 47592:B (1) POR MAG

Oda Olberg

„Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, dass, wo Mann, Frau und Kinder in die Fabrik wandern, sie zusammen nur den Lohn nach Hause bringen, den früher der Mann allein erhielt.“

  • Für eine Schwerpunktnummer zum Thema Frauenkleidung konnte Marie Lang 1902 den Architekten Adolf Loos (1870–1933) als Autor gewinnen. In seinem Beitrag „Damenmode“ wetterte er gegen das Ornament am Gewand und freute sich darauf, „Sammt und Seide, Blumen und Bänder, Federn und Farben“ aus der Damenmode verschwinden zu sehen. 

    Beitrag „Damenmode“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: NB 509090-B POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Adolf Loos, sitzend im Anzug mit verschränkten Händen im Schoß, Schnurrbart und gescheiteltes Haar, direkter Blick in die Kamera.
  • ÖNB-Signatur: NB 509090-B POR MAG

Adolf Loos

„Das nackte Weib ist aber für den Mann reizlos. Es kann wohl die Liebe des Mannes entflammen, nicht aber erhalten.“

  • Von der deutschen Schriftstellerin Ricarda Cecconi Huch (1864–1947) erschien in den „Dokumenten“ 1900 die Erzählung „Das Kätzchen“ in mehreren Teilen.

    Erzählung „Das Kätzchen“ online lesen auf ANNO: Teil 1, Teil 2 und Teil 3

  • ÖNB-Signatur: PORT_00004817_01 POR MAG
Schwarz-weiß-Grafik von Ricarda Huch, 1903, mit gescheiteltem, lose gebundenem Haar; vor ihr sind Seiten eines aufgeschlagenen Buches angedeutet.
  • ÖNB-Signatur: PORT_00004817_01 POR MAG

Ricarda Huch

„Du spielst wieder mit der nichtsnutzigen Katze, anstatt dass sie Mäuse fängt und du deine Exempel rechnest; gib mir das vermaledeite Thier!“

Bei der Auswahl der Manuskripte legte Marie Lang hohe Maßstäbe an. An Rosa Mayreder schrieb sie über einen eingereichten Text, der von einer „imponirenden Plattitüde“ war: „Trotzdem möchte ich nicht sagen – nein, den nicht – (…) aber man könnte vielleicht versuchen ihn ein wenig zu kürzen und alles nebensächliche zu streichen (…). Was meinst Du? Auf Gott, daß es so fade Menschen gibt!“

Marie Lang, undatierter Brief an Rosa Mayreder – online einsehbar in der Wienbibliothek im Rathaus.

„Ganz schlecht!“

Auch mit jungen Leuten, die Marie Lang förderte und zum Publizieren ermutigte, kannte sie keine Gnade. Die in der Fürsorge tätige Else Federn (1874–1946), mit der sie im Verein Wiener Settlement aktiv war, konnte davon ein Lied singen:

Else Federn (rechts) in vorgerückten Jahren (hier bei einer Sprechstunde im Verein Wiener Settlement, der unter anderem Kinderbetreuung und Mütterberatung anbot).

„Ihre Anerkennung war ebenso beglückend wie ihr ‚Ganz schlecht!‘ gefürchtet und doch bedankt war. Ich bat sie einst nach nächtelanger Arbeit, einen mich selbst nicht ganz befriedigenden Aufsatz anzuhören. ‚Das ist ganz langweilig – unmöglich – das ist ja nur alltäglicher D...k, den Du erzählst!‘ (…) Als begossener Pudel ging ich heim. Eine zweite Fassung fand dann ihren Beifall.“

Else Federn: Zur Erinnerung an Marie Lang (1935)

Schulden, Abschied und Vermächtnis

Die hohen Ansprüche, die Marie Lang als Blattmacherin stellte, hatten ihren Preis. Die teure Ausstattung, die aufwendige Produktion und die geringen Einnahmen stürzten das Blatt bald in finanzielle Schwierigkeiten. Ob es tatsächlich an mangelndem Geschäftssinn lag, wie Marie Lang nachgesagt wurde? Ein kleines Printmedium ohne Förderungen zu erhalten, dürfte jedenfalls damals genauso wie heute nahezu ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein. 

Die Kosten wuchsen der Herausgeberin und alleinigen Eigentümerin bald über den Kopf. Um die Publikation zu retten, wandte sich Marie Lang auch an Marianne Hainisch. Die Grande Dame der österreichischen bürgerlichen Frauenbewegung hatte bereits Beiträge in den „Dokumenten“ veröffentlicht. Als feste Mitarbeiterin wollte Hainisch zwar nicht einsteigen, doch sagte sie zu, die Zeitschrift mit einer jährlichen Spende von 50 Gulden zu unterstützen. 

„Die Ausstattung der Zeitschrift war so reich, dass die Herausgeber nicht auf ihre Rechnung kamen (...). Marie Langs entwickelter Schönheitssinn war ihren Unternehmungen überhaupt hinderlich, sie war keine Rechnerin, dagegen für alles Edle, Gute und Schöne begeistert.“

Marianne Hainisch: Marie Lang (1935)

Marianne Hainisch am Schreibtisch. 

Auch wenn die „Dokumente der Frauen“ nur vier Jahre lang erschienen, gelten sie als Meilenstein der österreichischen Frauenbewegung: ein Forum für Debatten, ein Sprachrohr für Forderungen. Marie Lang und ihre Mitstreiterinnen hatten damit ein Fenster geöffnet, das frischen Wind in die patriarchale Gesellschaft um 1900 ließ. 

Nach Einstellung der „Dokumente“ konzentrierte sich Marie Lang auf den von ihr mitgegründeten „Verein Wiener Settlement“ in Wien-Ottakring. Nach mehreren Schicksalsschlägen – ihr Sohn Heinz hatte sich 1904 das Leben genommen, ihr Mann war 1918 im Alter von 57 Jahren an Scharlach gestorben – verbrachte sie ihren Lebensabend auf dem Gut ihres Sohnes Erich Köchert bei Altmünster am Traunsee. Sie lebte zurückgezogen, empfing aber gerne Besuch.  

Marie Lang starb am 14. Oktober 1934. 

„Ohne ein Anzeichen nahenden Endes zu fühlen, setzte sie sich mit einem Buch auf eine Bank am Ufer, um ein Stündchen im Freien zu lesen. Als ihr Enkel sie holen wollte, war sie schon entschlafen, das Buch noch in der erkalteten Hand.“

Rosa Mayreder: Marie Lang. Ein Nachruf (1934)

Ansicht von Altmünster am Traunsee, Wohnort von Marie Lang in ihren letzten Lebensjahren.

  • ÖNB-Nachweis: AK042_329 (AKON)
Farbig illustrierte Ansichtskarte von 1909 mit der Aufschrift „Altmünster-Ebenzweier mit Traunstein u. schlafender Griechin“: Blick über eine Wiese und eine Siedlung am Traunsee, dahinter die markanten Berge.
  • ÖNB-Nachweis: AK042_329 (AKON)

Ansicht von Altmünster am Traunsee, Wohnort von Marie Lang in ihren letzten Lebensjahren.

Im Kontext: Bürgerlich-liberale Frauenpresse

Im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden im Habsburgerreich – insbesondere in Wien – viele Zeitschriften, die heute unter dem Begriff „bürgerlich-liberale Frauenpresse“ zusammengefasst werden. Mit ihren teils recht unterschiedlichen Positionen spiegelten sie diverse Strömungen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung wider – von gemäßigt bis radikal.

Diese Blätter waren wichtige Kanäle, um Ideen zu verbreiten und Positionen innerhalb der Bewegung zu klären. Getragen wurden sie von engagierten Frauen – und auch Männern – aus dem gehobenen Mittelstand und der Oberschicht. Im Zentrum standen Forderungen wie der Zugang zu höherer Bildung und zum Universitätsstudium, berufliche und wirtschaftliche Selbstständigkeit sowie das Frauenwahlrecht. Manche Titel traten dabei offensiver auf, andere zurückhaltender – allen gemeinsam war, dass sie Frauen als politisch Handelnde darstellten und ernst nahmen. 

Aus der Vielfalt der bürgerlichen Frauenpresse

… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“

→ Else Federn
→ Auguste Fickert
→ Marianne Hainisch
→ Marie Lang
→ Rosa Mayreder
→ Oda Olberg
→ Rosika Schwimmer
→ Berta Zuckerkandl

→ Allgemeiner Österreichischer Frauenverein
→ Verein Wiener Settlement


Literatur

Federn, Else: „Zur Erinnerung an Marie Lang“, in: Marie Lang. Gedenkblatt des Settlement für seine Mitglieder und Freunde. Wien: Settlement, 1935, S. 15–26.

Hainisch, Marianne: „Marie Lang“, in: Marie Lang. Gedenkblatt des Settlement für seine Mitglieder und Freunde. Wien: Settlement, 1935, S. 6.

Lang, Marie: „Wie ich zur Arbeit in der Frauenbewegung kam“, in: Die Österreicherin, Jg. 3 (1930), Nr. 3, S. 4. Online lesen auf ANNO

Marie Lang. Gedenkblatt des Settlement für seine Mitglieder und Freunde. Wien: Settlement, 1935.

Mayreder, Rosa: „Marie Lang. Ein Nachruf“, in: Die Österreicherin, Jg. 7 (1934), Nr. 7, S. 3. Online lesen auf ANNO

Schmölzer, Hilde: Rosa Mayreder. Ein Leben zwischen Utopie und Wirklichkeit. Wien: Promedia, 2002.

Sparholz, Irmgard: Marie Lang und ihre Bedeutung für die Sozialreform in Österreich im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Diplomarbeit, Universität Wien, 1986.

Zum nächsten Kapitel:
Sprachrohr der Unzufriedenen