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Frauen zwischen den Zeilen
Geschlecht und Journalismus um 1900
„Ungelesen zurückgestellt, da von Frauen nichts angenommen wird.“
Mit dieser Bemerkung soll ein bedeutendes Wiener Blatt des Fin de Sciècle Beiträge von Autorinnen abgewiesen haben. Das berichtete die österreichische Schriftstellerin Anna Hottner-Grefe (1867–1946) in ihrem 1897 erschienenen Artikel „Die Journalistin“ – ohne zu erwähnen, um welche Redaktion es sich konkret handelte oder ob sie selbst diese Erfahrung gemacht hatte. Als Frau bei einer Zeitung unterzukommen, war laut Hottner-Grefe generell schwierig, besonders außerhalb des Feuilletons, „denn unsere Redactionen verweigern vielfach noch heute den Journalistinnen die Aufnahme“.
Die Öffentlichkeit war im 19. Jahrhundert für Männer reserviert. Frauen sollten sich aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft heraushalten und stattdessen ihre Talente im Privaten entfalten, als Gattin, Hausfrau und Mutter. Auch der Journalismus war, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, eine Männerdomäne durch und durch – soweit die gängige Annahme. Aber stimmt das auch?
Nicht ganz. Seit jeher wirkten Frauen mit an der Entstehung von Zeitungen und Zeitschriften, meist aber nicht in der ersten Reihe, sondern im Verborgenen.
„Ob als helfende Ehefrau, Tochter oder auch Schwester, die für ihre Angehörigen redaktionelle Arbeiten übernahm, ob als Verfasserin, die lieber anonym blieb oder schließlich als Autorin, die ihr Geschlecht hinter einem Pseudonym oder Kürzel verbarg – ein beachtlicher Teil der Journalistinnen schrieb, ohne sich dabei als schreibende Frau zu ‚outen‘.“
Susanne Kinnebrock, Journalismus als Frauenberuf anno 1900 (2008)
Manchmal genügt aber schon ein zweiter Blick, um sie zu sehen.
Berühmte Ausnahmen
Natürlich gab es auch in Österreich prominente Ausnahmen, deren Namen noch heute vielen bekannt sind: Etwa die Reiseschriftstellerin und Kriegsberichterstatterin Alice Schalek (1874–1956) oder Berta Zuckerkandl (1864–1945), die als Journalistin sowie als Kunst- und Literaturkritikerin reüssierte.
Die bedeutende österreichische Journalistin und Salonnière Berta Zuckerkandl (1864–1945) war durch ihren Vater, den liberalen Zeitungsherausgeber Mori(t)z Szeps, in einem journalistischen Umfeld aufgewachsen. Bekanntheit erlangte sie mit ihrer täglichen Kunstkolumne in der „Wiener Allgemeinen Zeitung“. Neben scharfsinnigen Theater- und Kunstkritiken publizierte sie auch kulturpolitische Essays in verschiedenen Blättern.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der ihre Hoffnung auf Frieden und Völkerverständigung zerstörte, äußerte sie sich auch zur Außenpolitik, etwa im „Neuen Wiener Journal“. Sie blieb bis in die Zwischenkriegszeit eine zentrale Stimme des kulturellen Lebens. Als Jüdin musste sie 1938 aus Österreich fliehen. Sie starb 1945 in Paris.
- ÖNB-Signatur: 203423-D POR MAG
Berta Zuckerkandl
Alice Schalek (1874–1956) war eine österreichische Journalistin, Reiseschriftstellerin und Reporterin. Nach ersten Reisebeschreibungen und Feuilletons wurde sie im Ersten Weltkrieg als offizielle Korrespondentin der „Neuen Freien Presse“ bekannt, für die sie von verschiedenen Fronten berichtete. Ihre Reportagen verbanden Text und eigene Fotografien und machten sie zu einer Pionierin des modernen Journalismus.
Zu ihren größten Kritiker*innen gehörte Karl Kraus, der ihre Kriegsberichterstattung als verherrlichend anprangerte, sie aber auch als Frau herabwürdigte.
- ÖNB-Signatur: 204.078-D POR MAG
Alice Schalek
Das Gros der frühen Journalistinnen ist jedoch vergessen. Häufig sind hartnäckige Recherche und Fachkenntnis vonnöten, um sie (wieder) zu entdecken.
In bürgerlichen Kreisen war weibliche Erwerbsarbeit im ausgehenden 19. Jahrhundert nach wie vor verpönt. Während ledige Frauen noch gewisse Freiräume hatten, gaben sie diese mit der Heirat auf. Eine Gattin, die Geld verdiente – das grenzte für viele an einen Skandal. Das Verfassen schöngeistiger Literatur billigte man Frauen durchaus zu. Nicht jedoch, dass sie sich als Journalistinnen in die öffentlich-politische Arena wagten.
Herrenwitze
Eine Frau, die Leitartikel schreibt und redaktionelle Verantwortung trägt? Diese Vorstellung hielten um 1900 weite Kreise bestenfalls für einen Witz. Der Illustrator Alexander Wilke (1879–1954) zeichnete 1907 für die humoristische Wochenschrift „Die Muskete“ eine Frau an der Schreibmaschine; sie vertritt den abwesenden Chefredakteur im Sommer und fragt spöttisch: „Ich bitt dich, ist das bisserl Politik auch schon eine Kunst?“
Die Darstellung der „Chef-Redactrice“ von Hermann Schlittgen (1859–1930) erschien 1902 in den Münchner „Fliegenden Blättern“. Die „schneidige junge Dame“ entsorgt nicht nur Manuskripte, sondern auch „die abgewiesenen Freier“ im Papierkorb.
Im Wortlaut:
Politik der Hundstage (Zeichnung von Alexander Wilke)
„Du – du schreibst die Leitartikel, bis der Chefredakteur zurückkommt?“
„Ich bitt dich, ist das bisserl Politik auch schon eine Kunst?“
- In: Die Muskete, 15. August 1907, Titelseite
1907 publizierte Karikatur von Alexander Wilke.
Im Wortlaut:
Die Chef-Redactrice
„Die neue Redactrice unseres Wochenblattes scheint aber eine schneidige junge Dame zu sein!“ – „Das will ich meinen! Die wirft Alles in den Papierkorb – sogar die abgewiesenen Freier!“
- In: Fliegende Blätter, Nr. 2966 (1902), S. 260
Zeichnung von Hermann Schlittgen, 1902.
Chefredakteurin in Sarajevo
Tatsächlich gab es bereits in den 1880ern eine Chefredakteurin, die ein politisches Blatt leitete: Milena Mrazović (1863–1927) war seit der Gründung 1884 Redakteurin der „Bosnischen Post“, einer damals zweimal in der Woche in Sarajevo erscheinenden deutschsprachigen Zeitung. Ab 1886 war sie deren Miteigentümerin, ab 1889 alleinige Eigentümerin.
1896 heiratete sie den österreichischen Arzt Josef Preindlsberger und verkaufte die „Bosnische Post“. Sie publizierte aber weiterhin zahlreiche Artikel und auch einige Bücher, vorwiegend über Bosnien und die Herzegowina. 1919 zog das Paar nach Wien.
Milena Mrazović, Wegbereiterin für Frauen im Journalismus. Fotografie einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.
- Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 66450
Milena Mrazović, Wegbereiterin für Frauen im Journalismus. Fotografie einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.
Titelblatt der „Bosnischen Post. Organ für Politik und Volkswirthschaft“ vom 25. Jänner 1893 in Sarajevo.
- ÖNB-Signatur: 505512-D NEU MAG
Titelblatt der „Bosnischen Post. Organ für Politik und Volkswirthschaft“ vom 25. Jänner 1893 in Sarajevo.
Wollte eine Autorin einen Text veröffentlichen, so geschah dies oft unter einem – häufig männlichen – Pseudonym oder einem Kürzel. Frauen ersparten sich dadurch Anfeindungen und erhöhten wohl auch ihre Chance, überhaupt publiziert zu werden.
Als Mann getarnt
Die Feuilletonistin und Kritikerin Florentine Galliny (1845–1913) war ihrem Publikum unter dem Pseudonym „Bruno Walden“ bekannt. Wie die Schriftstellerin und Journalistin Goswina von Berlepsch in einem Nachruf festhielt, trat Galliny „in jener Zeit als literarische Kritikerin auf den Plan, da ein männlicher Name auch für die bedeutendste Frau noch ein sichernder Schild war“. Jahrzehntelang bekleidete Galliny einen festen Posten in der Redaktion der angesehenen „Wiener Zeitung“ – für eine Frau damals die absolute Ausnahme.
Auch Emilie Mataja (1855–1938) griff zu einem männlichen Namen. Sie veröffentlichte als „Emil Marriot“ viele ihrer Erzählungen zunächst im Feuilleton, also dem literarischen und kulturellen Teil von Zeitungen und Zeitschriften.
Hinter „Emil Marriot“ steckte Emilie Mataja.
Wer ist ***?
Noch schwieriger gestaltet sich die Spurensuche, wenn statt eines Namens nur Kürzel oder Zeichen verwendet wurden. Wer sich beispielsweise hinter den drei Sternchen verbarg, mit denen das Feuilleton „Ueber die Potsdamer Brücke“ am 30. März 1893 in der „Wiener Zeitung“ gezeichnet wurde, wissen heute nur noch Eingeweihte.
Neugierig geworden?
Die Auflösung des Rätsels findet sich im zweiten Bild der Galerie.
Frauen der Feder
Wie viele Autorinnen unter männlichem Pseudonym oder einem Kürzel veröffentlichten, lässt ein Blick in das „Lexikon deutscher Frauen der Feder“ von Sophie Pataky erahnen. 72 Seiten füllt allein das Verzeichnis der Pseudonyme, das im Anhang des 1898 erschienenen Nachschlagewerks zu finden ist.
Das Lexikon ist eine einzigartige Quelle, weil es nicht nur Schriftstellerinnen im engeren Sinn umfasst, sondern auch Übersetzerinnen, Sachbuchautorinnen und Journalistinnen – insgesamt gut 4500 Namen. Davon werden mehr als 2000 (zum damaligen Zeitpunkt) lebende deutschsprachige Autorinnen gelistet; über die Hälfte von diesen schrieb auch für Zeitungen und Zeitschriften.
Sophie Pataky veröffentlichte ihr zweibändiges „Lexikon deutscher Frauen der Feder“ im Jahr 1898 – bis heute ist es eine unverzichtbare Quelle zur Literatur von Autorinnen.
- ÖNB-Signatur: 85864-B NEU FOR
Sophie Pataky veröffentlichte ihr zweibändiges „Lexikon deutscher Frauen der Feder“ im Jahr 1898 – bis heute ist es eine unverzichtbare Quelle zur Literatur von Autorinnen.
Pseudonyme von Autorinnen – verzeichnet in Sophie Patakys Lexikon.
- In: Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder (1898), Band II
Pseudonyme von Autorinnen – verzeichnet in Sophie Patakys Lexikon.
Frauen publizierten um 1900 in ganz unterschiedlichen Medien – in großen Tageszeitungen, Parteiblättern, Lokalzeitungen oder in Familien- und Unterhaltungsmagazinen. Häufig arbeiteten sie als freie Mitarbeiterinnen. Die festen Stellen, erst recht die Führungspositionen, wurden in den allermeisten Fällen von Männern besetzt.
Wie sich die journalistische Praxis für Frauen darstellte, schilderte Grete Wolf (1882–1942) in ihrem Artikel „Wie werde ich Journalistin?“, der 1913 erschien. Sie beschreibt die Mühen ebenso wie die reizvollen Seiten des Berufs und zeichnet ein differenziertes Bild zwischen Entbehrung und Faszination. Grete Wolf, selbst Publizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin, machte deutlich: Journalistinnen hatten es schwer, doch sie fanden Wege, sich in der Pressewelt durchzusetzen.
Vor diesem Hintergrund boten die Medien der Frauenbewegung und auch manche Modezeitschriften vergleichsweise bessere Chancen: Hier konnten Frauen redaktionelle Verantwortung übernehmen und „blattmacherisch“ tätig sein – nicht nur im kulturellen, sondern auch im politischen oder wirtschaftlichen Bereich.
Journalistin und Schriftstellerin Grete Wolf
Vier Blätter, vier Macherinnen – und mehr
Diese Spielräume greift die Ausstellung auf: Sie porträtiert vier Journalistinnen, die mit ihren Blättern sehr unterschiedliche Akzente setzten – drei von ihnen in großen Strömungen der historischen Frauenbewegung, eine in der kommerziellen Modepresse. Marie Lang mit den bürgerlich-liberalen „Dokumenten der Frauen“, Adelheid Popp mit der sozialdemokratischen „Arbeiterinnen-Zeitung“ und Hanny Brentano mit der katholischen „Österreichischen Frauenwelt“ stehen für die Vielfalt frauenbewegter Publizistik. Erweitert wird dieses Spektrum um Fanny Burckhard, die mit der „Wiener Mode“ ein international erfolgreiches Magazin leitete – und darin zugleich neue Impulse für Frauenbilder setzte.
Kuratiert wird die Ausstellung von Ariadne, der frauen- und genderspezifischen Informations- und Dokumentationsstelle der Österreichischen Nationalbibliothek.
Sie baut auf ein starkes Fundament: das Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“. Dort dokumentiert Ariadne nicht nur Aktivist*innen und Vereine der historischen Frauenbewegung(en) in Österreich und der Habsburgermonarchie, sondern auch deren publizistische Tätigkeit. Während die Ausstellung Schlaglichter auf einzelne „Blattmacherinnen“ wirft, öffnet das Portal den Blick auf die ganze Breite und Vielfalt frauenbewegter Geschichte.
Startseite des Portals „Frauen in Bewegung 1848–1938“
… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“
→ Goswina von Berlepsch
→ Hanny Brentano
→ Anna Hottner-Grefe
→ Marie Lang
→ Emilie Mataja
→ Adelheid Popp
→ Alice Schalek
→ Grete Wolf
→ Berta Zuckerkandl
Literatur
Anderson, Harriet: Vision und Leidenschaft. Die Frauenbewegung im Fin de Siècle Wiens. Wien: Deuticke, 1994.
Berlepsch, Goswina von: „Florentine Galliny“, in: Der Bund, Jg. 8 (1913), Nr. 8, S. 7–9. Online lesen auf ANNO
Bittermann-Wille, Christa und Helga Hofmann-Weinberger: „Von der Zeitschrift ‚Dokumente der Frauen‘ zur Dokumentation von Frauenzeitschriften“, in: Medien & Zeit, Jg. 15 (2000), Nr. 2, S. 52–62.
Buchmayr, Friedrich: Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme. St. Pölten, Salzburg: Residenz-Verlag, 2011.
Duttenhöfer, Barbara: „Keine ‚quantité néglibeable‘. Ein Beitrag zur Entwicklung des tagesaktuellen Journalismus“, in: Medien & Zeit, Jg. 24 (2009), Nr. 3, S. 17–27.
Hottner-Grefe, Anna: „Die Journalistin“, in: Der Lehrerinnen-Wart, Jg. 9 (1897), Nr. 3, S. 1–2. Online lesen auf ANNO
Kinnebrock, Susanne: Journalismus als Frauenberuf anno 1900. Eine quantitativ inhaltsanalytische sowie quellenkritische Auswertung des biografischen Lexikons „Frauen der Feder“. Berlin: Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten, 2008. Link zur Online-Ressource
Krainer, Larissa: „Geschichte der Österreichischen Frauenzeitschriften“, in: Österreichische Mediengeschichte, Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferenzierung des Mediensystems (1500 bis 1918), herausgegeben von Matthias Karmasin und Christian Oggolder. Wiesbaden: Springer, 2016, S. 193–220.
Malleier, Elisabeth: „Die Rezeption der Frauenbewegung in der Wiener jüdischen Presse vor 1938“, in: Wiener Geschichtsblätter, Jg. 60 (2005), Nr. 3, S. 63–73.
Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren nebst Biographien der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. 2 Bände. Berlin: Carl Pataky, 1898.
Seethaler, Josef und Christian Oggolder: „Frauen in der Wiener Tagespresse der Ersten Republik. Ein Beitrag zur Entwicklung des tagesaktuellen Journalismus“, in: Medien & Zeit, Jg. 24 (2009), Nr. 3, S. 4–16.
Wolf, Grete: „Wie werde ich Journalistin“, in: Neues Frauenleben, Jg. 15 (1913), Nr. 11, S. 12–14. Online lesen auf ANNO