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Schreiben ohne Korsett
Fanny Burckhard und die „Wiener Mode“
Die ab 1888 erscheinende „Wiener Mode“ war ein international erfolgreiches Magazin, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und Wien als Modemetropole präsentierte. Im Unterschied zu den Zeitschriften der Frauenbewegung um die Jahrhundertwende wurde sie in hoher Auflage gedruckt und erreichte somit ein breites Publikum. Fanny Burckhard (1861–1926) publizierte unter dem Pseudonym Renée Francis unzählige Artikel in der „Wiener Mode“. 1898 übernahm sie die Leitung der Redaktion, die im Gewand einer Modezeitschrift ein fortschrittliches Frauenbild stärkte.
Die Schusterstochter und die Medien
Redactrice ohne Gesicht?
Sich von Fanny Burckhard ein Bild zu machen, ist nicht leicht. Zwar leitete die zu ihrer Zeit bekannte Modeschriftstellerin viele Jahre lang die Redaktion einer international renommierten Zeitschrift – ein Porträt ist bis heute aber nicht bekannt. Ob sich irgendwo in der reich illustrierten Zeitschrift „Wiener Mode“ das Konterfei der Redactrice versteckt? Hinweise werden gerne entgegengenommen!
Das einzige bisher entdeckte Bild von ihr findet sich auf einem Gruppenfoto. Es wird weiter unten in diesem Kapitel gezeigt.
Illustration in der „Wiener Mode“.
Von Mähren nach Wien
Bekannt sind immerhin einige Eckdaten ihrer Lebensgeschichte: Geboren wurde sie 1861 als Fanny Sochatzy im mährischen Neutitschein (Nový Jičín, heute Tschechien) als Tochter eines Schuhmachermeisters. Später übersiedelt die Familie nach Wien, wo Fanny eine Ausbildung an der Lehrerinnenbildungsanstalt machte.
Sie ergriff aber keinen pädagogischen Beruf, sondern schlug einen anderen Weg ein. Zuvor jedoch brachte ein Skandal ihr Leben aus dem Gleichgewicht.
Fanny Burckhards Geburtsort: Neutitschein (Nový Jičín) um 1900 auf einer Ansichtskarte.
Fatale Medienposse
Fanny Sochatzy und ihre Familie wurden Opfer eines Betrügers – und von medialer Hetze. Ein angeblicher russischer Gutsbesitzer machte der Tochter aus einfachen Verhältnissen den Hof. Sie verlobten sich, doch zur Heirat kam es nicht: Der Hochstapler verschwand mitsamt dem Geld, das er Fannys Vater herausgelockt hatte. Viele Blätter schlachteten den Fall weidlich aus. Der Journalist und Bühnenautor O. F. Berg (eigentlich Ottokar Franz Ebersberg, 1833–1886) schrieb sogar eine Theaterposse darüber: „Der närrische Schuster“. Was für Außenstehende Stoff für Unterhaltung war, bedeutete für die Familie eine Katastrophe: Fannys Vater Wilhelm Sochatzy beging im November 1877 Suizid.
Der Roman der Schusterstochter
Im lokalen Theile unseres Blattes erwähnten wir einige Male in der letzten Zeit einer Geschichte, die im Stadtpark ihren Anfang nahm und den Liebesroman einer Schusterstochter zum Gegenstande hatte. Es hieß, daß ein in dem Kriege Serbiens gegen die Türkei verwundet gewordener russischer Offizier, ein Mann von hohem Adel und bedeutendem Vermögen, sich in das schmucke Töchterlein eines bekannten Schustermeisters aus der Praterstraße verliebt habe und daß er fest entschlossen sei, die junge Wienerin zu seiner Gattin zu machen. Später wurde das Gerücht laut, der russische Millionär habe sich als gewöhnlicher Abenteurer entpuppt und daß er nur eine Spekulation auf die Börse des zukünftigen Schwiegervaters bezweckt hätte.Den ganzen Artikel online lesen auf ANNO.
- In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, 25. September 1877, S. 4
Beginn eines Berichtes über die Familie Sochatzy mit dem spöttischen Titel „Der Roman der Schusterstochter“.
Ottokar Franz Ebersberg, Pseudonym O. F. Berg, um 1865–1870.
Fotograf: Adolf Ost; einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.
- Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 312074
Der Journalist und Theaterautor O. F. Berg, hinter einer Zeitung versteckt.
Neben Fanny und ihrer Mutter blieben mehrere unmündige Kinder unversorgt zurück. Wie es mit der Familie weiterging, ist kaum bekannt, und auch Fannys Weg liegt in den folgenden Jahren im Dunkeln. Erst 1887 taucht sie wieder auf – im Redaktionsstab einer neu gegründeten Zeitschrift.
Die neueste „Wiener Mode“
Mehr als eine Luxuszeitschrift
Als der Journalist und Investor Carl Colbert (1855–1929) im Jahr 1887 gemeinsam mit dem Schriftsteller und Übersetzer Ernst Ziegler (1847–1902) eine neue Modezeitschrift gründete, war klar: Die „Wiener Mode“ sollte Maßstäbe setzen. Sie verband künstlerisch hochwertige Gestaltung und reiche Illustration mit intellektuellem Anspruch und Beiträgen prominenter Autor*innen. Zielgruppe war ein gehobenes weibliches Publikum aus bürgerlichen und adligen Kreisen.
Carl Colbert, Gründer der „Wiener Mode“ (Zeichnung von Arthur Stadler).
- In: Der Abend, 31. Mai 1929, S. 1
Carl Colbert, Gründer der „Wiener Mode“ (Zeichnung von Arthur Stadler).
Cover der ersten Nummer der „Wiener Mode“ (1. Jänner 1888). Auf ANNO online in der Zeitschrift blättern.
- ÖNB-Signatur: 394035-D NEU PER
Cover der ersten Nummer der „Wiener Mode“ (1. Jänner 1888). Auf ANNO online in der Zeitschrift blättern.
Für die inhaltliche Ausrichtung des Blattes sorgte Ernst Ziegler. Doch er war keineswegs alleine prägend: Von Anfang an fanden sich Frauen in federführenden Positionen, wie Jenny Neumann (1860–1925), die in den ersten Jahren den Modeteil verantwortete. Fanny Sochatzy wurde Redakteurin – oder Redactrice, wie es damals hieß – wenngleich noch nicht in leitender Rolle.
Die Mutter der „Vogue“
Die Ausstattung der Zeitschrift war geradezu prachtvoll. Für 6 Gulden Jahresbeitrag bekamen die Abonnent*innen – so warb das Blatt 1894 – ein breites Angebot: 24 Ausgaben mit insgesamt 48 farbigen und 2500 schwarzweißen Modebildern, dazu diverse Rubriken und Beilagen (von Feuilleton bis Rätsel, Anleitungen für Handarbeiten oder Kindermode) und obendrein die Möglichkeit, gratis Schnitte nach Maß zu bestellen.
Aufatmen ohne Schnürleib
Eröffnet wurde jede Ausgabe der „Wiener Mode“ durch einen ausführlichen Modebericht. Während diesen anfangs meist Jenny Neumann schrieb, zeichnete bald immer öfter „Renée Francis“ dafür verantwortlich. Hinter diesem international klingenden Namen verbarg sich keine andere als Fanny Sochatzy bzw. Burckhard, wie sie nach ihrer Heirat mit Fritz Burckhard hieß.
Ihre Texte, oft verfasst in heiter-ironischem Ton, verbanden Modethemen mit einer fortschrittlichen Haltung. So setzte sie sich für lockere Reformkleidung ein.
Bisher galt das Korsett als unverzichtbares Kleidungsstück bürgerlicher Frauen: Der „Schnürleib“ presste die Körpermitte in eine unnatürliche Wespentaille – mit oft schweren gesundheitlichen Folgen. Wenn „Renée Francis“ für mehr Bewegungsfreiheit und Luft zum Atmen plädierte, dann war das nicht nur eine Modeempfehlung: Es bedeutete auch einen Angriff auf ein gesellschaftliches Frauenbild – ohne jedoch das gängige Schönheitsideal gertenschlanker Körper grundsätzlich in Frage zu stellen.
Reformkleid, „Wiener Mode“ 1905.
„Auf sehr subtile Art wurden fortschrittliche, zeitweise sogar revolutionär wirkende Ideen in Wohnzimmer, Salons und Boudoirs gebracht (...).“
Alexander Emanuely, Das Beispiel Colbert (2020)
Aufregung um Beinkleider
Ein heißumstrittenes Thema war um 1900 etwa, ob es sich für Frauen schicke, auf ein Fahrrad zu steigen. Es sei für den weiblichen Körper gesundheitsschädlich – und obendrein unanständig. Ein Stein des Anstoßes war die Garderobe: Knöchellange, weite Röcke störten auf dem „Velociped“, wie der Drahtesel damals genannt wurde. Hosen hingegen galten vielen als Affront gegen das traditionelle Frauenbild.
Die „Wiener Mode“ griff die Debatte immer wieder auf und bot ihren Leserinnen auch Schnitte für Fahrradkleidung an. Fanny Burckhard bezog in ihrem Artikel „Das Radfahren und die Mode“ (15. April 1897) eine klare Position: „Das Bicycle ist auch für die Damen eine Culturerrungenschaft von bleibendem Werth, mit der sich alle Welt abzufinden hat.“
Unter ihrem Pseudonym Renée Francis zeigte Fanny Burckhard Radlerinnen in neuem Kleid – und verteidigte deren Erscheinung:
„Die fesche Radlerin an der Spitze unseres heutigen Blattes belehrt übrigens alle Zweifler, daß man auch im Dreß vortheilhaft aussehen kann – läßt sich doch jedes englische, den praktischen Bedürfnissen dienende Straßencostume bei entsprechender Verkürzung des Rockes zum Radfahren verwenden.“
Den gesamten Beitrag „Das Radfahren und die Mode“ online lesen auf ANNO
- In: Wiener Mode, 10. Jg. (1897), Nr. 14, S. 533
Erste Seite von Fanny Burckhards Text „Das Radfahren und die Mode“, 1897.
Die neuesten „Bicycle-Costume“ 1898 (Illustration aus der „Wiener Mode“).
- In: Wiener Mode, 11. Jg. (1898), Nr. 13, S. 514
Die neuesten „Bicycle-Costume“ 1898 (Illustration aus der „Wiener Mode“).
Dame oder Herr?
Das Pseudonym Fanny Burckhards, Renée Francis, lässt einen gewissen Interpretationsspielraum, was das Geschlecht angeht. Das beschäftigte auch junge Leser*innen. So schreibt nach Erscheinen einer speziell auf Kinder zugeschnittenen Nummer die kleine Cilli von Marschall einen Brief an die „Wiener Mode“:
„Ich möchte Sie gerne etwas fragen, ob Renée Francis eine Dame oder ein Herr ist. Mama sagt ein Herr, aber Herren schreiben keine Puppengeschichten, nicht wahr. (...) Bitte sagen Sie mirs.“
Die Redaktion antwortet augenzwinkernd:
„[W]enn Mama erlaubt, daß Du uns Deine genaue Adresse mittheilst, dann schickt Renée Francis Dir eine Photographie, daß Du sehen kannst, ob Mama recht hat oder Du.“
Wiener Mode, 2. Jg. (1889), Nr. 15
Schneiderei
Die „Wiener Mode“ zeigte nicht nur die neuesten Trends, sondern lieferte auch die passenden Schnittmuster, um die Stücke nachschneidern (lassen) zu können. Unter ihrem Pseudonym brachte Fanny Burckhard auch ein Büchlein heraus, das in die Kunst der Schneiderei einführte: „Die Schule des Kleidermachens“ erschien 1896 im Verlag der „Wiener Mode“.
Anzeige für „Die Schule des Kleidermachens“ von „Renée Francis“.
Eine zeitgenössische Würdigung unterstreicht, dass Fanny Burckhard die Mode nicht rein oberflächlich betrachtete, sondern Tiefgang bewies:
„Sie hat dem Modenbericht ein neues Feld eröffnet, da sie (…) mit kritischer Feder schreibt und auf Geschmacklosigkeiten aufmerksam macht.“
Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder (1898)
Journalistin mit Nadel und Faden
Der Handarbeitsteil lieferte in jeder Ausgabe Anleitungen für Stickereien, Häkel- oder Strickarbeiten sowie weitere kunsthandwerkliche Techniken, sorgfältig erklärt über mehrere reich bebilderte Seiten hinweg. Die detailreichen Angaben erforderten höchste Genauigkeit bei der Redaktion. In den ersten Jahren übernahm Marie Bergmann (1842–1907), eine anerkannte Fachfrau auf dem Gebiet der Kunststickerei, die Leitung dieses Teils.
Marie Bergmann (1842–1907) war langjährige Mitarbeiterin und in den ersten Jahren Leiterin der Handarbeitsabteilung der „Wiener Mode“. Geboren in Linz als Tochter eines Arztes, trat sie in ihrem 30. Lebensjahr in die k.k. Fachschule für Kunststickerei in Wien ein. 1879 wurde sie als Lehrerin an die Mädchengewerbeschule in Hamburg berufen, kehrte aber 1883 nach Wien zurück, um die Leitung des Kunststickereiateliers des Wiener Frauenerwerbvereins zu übernehmen. Neben ihrer Lehrtätigkeit war sie zu ihrer Zeit als Fachschriftstellerin bekannt.
- In: Wiener Mode, 20. Jg. (1907), Nr. 22, S. 1135
Marie Bergmann leitete ab 1888 den Handarbeitsteil der „Wiener Mode“.
Kreuzstichmuster in der „Wiener Mode“, 1889.
- In: Wiener Mode, 2. Jg. (1889), Nr. 11
Kreuzstichmuster in der „Wiener Mode“, 1889.
Im Wortlaut:
Die Stickerin.
Wie so freudlos ihre Tage fließen!
Früh am Morgen seh ich sie begießen
Welke Blumen, tief das Haupt gesenkt;
Mitleid fühlt sie mit dem Schwesterlose
Wenn sie, selbst nur eine bleiche Rose,
An ihr eig'nes, armes Leben denkt.Diese Hände, die sich blutig quälen
Tag für Tag, sie wissen zu erzählen
Von dem Herzen, das so einsam schlägt,
Wenn sie rasten, müde und zerstochen,
Nachts darauf, und ungestört sein Pochen
Nach den Blüten seines Lenzes frägt …Franz Le Fort.
- In: Wiener Mode, 18. Jg. (1905), Nr. 14, S. 716
- In: Wiener Mode, 18. Jg. (1905), Nr. 14, S. 716
Gedicht von Franz Le Fort (1868–1932) über das triste Dasein einer Stickerin.
Detail zu einem gestickten Polster.
- In: Wiener Mode, 20. Jg. (1906), Nr. 21, S. 1079
- In: Wiener Mode, 20. Jg. (1906), Nr. 21, S. 1079
Detail zu einem gestickten Polster.
Vom Boudoir in die Redaktionskonferenz
Zum Erfolgsrezept der „Wiener Mode“ gehörte, dass sie nicht nur Modezeitschrift war. Einen großen Teil nahm das Feuilleton ein – mit Belletristik, Lyrik und Essays auf höchstem Niveau. „Im Boudoir“ lautete der Titel des literarischen Teils. Dort, also in einem privaten Damengemach, wehte mitunter ein fortschrittlicher, sozialkritischer Geist. Hier fanden auch emanzipatorische Ideen ihren Platz, etwa wenn bemerkenswerte Frauen und ihre Leistungen porträtiert wurden.
„Im Boudoir“: Titelkopf 1905.
Stimmen in der „Wiener Mode“
Regine Ulmann, geborene Kohn (1847–1939), berichtete 1888 in einem Artikel über „Die Handarbeit in der Gewerbe-Ausstellung“. Als Journalistin schrieb sie nicht nur für das „Neue Wiener Tagblatt“, sondern leitete auch die Zeitschrift „Das Blatt der Hausfrau“.
Besonderes Anliegen war ihr die Bildung jüdischer Mädchen: Mit 19 Jahren war sie Mitbegründerin des Wiener Mädchenunterstützungsvereins – eine der ersten jüdischen Initiativen, die jungen Frauen den Zugang zu einer Berufsausbildung ermöglichte. Sie engagierte sich in zahlreichen weiteren Frauenvereinen und arbeitete eng mit Marianne Hainisch zusammen. 1938 wurde der Mädchenunterstützungsverein vom NS-Regime aufgelöst, kurz darauf starb Ulmann in Wien.
Artikel „Die Handarbeit in der Gewerbe-Ausstellung“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: 399.792 - D. Pt / 2 / 36 - Seite 15 POR MAG
- ÖNB-Signatur: 399.792 - D. Pt / 2 / 36 - Seite 15 POR MAG
Regine Ulmann
„[U]nsere Frauen lieben es keineswegs, ein Kleidungsstück zu tragen oder in ihrem stylvollen Heim eine Decke zu sehen, wie sie in ganz gleicher Anordnung und Ausführung Tausende und aber Tausende von Mitschwestern (…) besitzen.“
Betty Paoli (1814–1894), geboren als Barbara Elisabeth Glück, war nicht nur eine gefeierte Lyrikerin, sondern auch eine der ersten Berufsjournalistinnen im Habsburgerreich. Sie schrieb zahlreiche Artikel, vor allem als Theater- und Literaturkritikerin für große Wiener Zeitungen. Die „Wiener Mode“ druckte in Nr. 12 des Jahres 1888 Paolis Gedicht „Das befreiende Wort“. Dieses lautet gleichmütig: „Was liegt daran?!“
Gedicht „Das befreiende Wort“ online lesen auf ANNO
- In: Wiener Mode, 9. Jg. (1895), Nr. 3, S. 107
- In: Wiener Mode, 9. Jg. (1895), Nr. 3, S. 107
Betty Paoli
„Ein Wort hab’ ich erkoren,
Das in der Lebensschlacht,
Ein Schutz, stets unverloren,
Mich hieb- und schußfest macht.“
Marie Weyr (1864–1903) schildert in ihrem Feuilleton „Eine Rettung“ (15. Oktober 1902) eine Möchtegern-Poetin aus einer Provinzstadt, die beim berühmten Dichter „Bernt Lind“ vorspricht. Doch es empfängt sie eine Dame: „Sie hält eine Feder in der Hand, die sie später dicht an das graugesprenkelte, kurzgeschnittene Haar hinters Ohr steckt, trägt eine schwarze Wirtschaftsschürze mit Latz und Schreiberärmel (...).“ Sie gibt sich als „Bernt Lind“ zu erkennen und warnt die junge Frau vor der „Sklavenarbeit“ als Journalistin.
Die heute vergessene Schriftstellerin Marie Weyr, geborene Uhl, publizierte zahlreiche Feuilletons und Theaterkritiken in verschiedenen Blättern, unter anderem in der „Wiener Zeitung“.Der Jahrgang 1902/1903 der „Wiener Mode“ kann an der Österreichischen Nationalbibliothek eingesehen werden, ist jedoch noch nicht auf ANNO verfügbar.
- ÖNB-Signatur: PORT_00103850_01
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Marie Weyr
„Aber, Kind, wissen Sie es denn noch immer nicht, daß Ihr Dichter eine Frau ist, daß ich selber es bin?“
In einer Erzählung des französischen Erfolgsautors Émile Zola (1840–1902) verfällt eine Sechzehnjährige nach einer Ballnacht ins Grübeln über ihre Zukunft.
Zwischen Zola und der „Wiener Mode“ bestand eine besondere Verbindung: Ernst Ziegler übersetzte die Werke des Franzosen ins Deutsche. Er stand in engem Kontakt mit dem Autor, der einem breiten bürgerlichen Publikum die miserablen Lebensbedingungen des Proletariats vor Augen führte. Zolas humanistischer und sozialkritischer Ansatz floss auch in die „Wiener Mode“ ein.
Erzählung „Die Tanzordnung“ online lesen auf ANNO
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Émile Zola
„‚Ein Gatte!‘ sagte sie endlich, ‚das gefällt mir nicht (...).‘“
„In Gefahr“ lautet der Titel einer Erzählung von Bertha von Suttner (1843–1914), erschienen 1888 in der „Wiener Mode“. Die titelgebende Gefahr besteht darin, dass sich eine junge Frau in einen Mann verliebt, dem sie nicht traut. Aus dem Jenseits gibt ihr der verstorbene Vater einen Rat.
Die große Friedensaktivistin Suttner war selbst journalistisch tätig, unter anderem als Herausgeberin der Zeitschrift „Die Waffen nieder!“.Erzählung „In Gefahr“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: Pf 3437 D1 POR MAG
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Bertha von Suttner
„Wenn ihr seine Lippen wieder so nahe kommen, wenn er sie wieder kühn umfassen will – sie wird die Augen schließen und – – “
Die österreichisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin Goswina von Berlepsch (1845–1916) veröffentlichte ihre Erzählung „Die Könige aus Morgenland“ am 15. Jänner 1905 in der „Wiener Mode“. Sie handelt von drei Kindern eines armen Holzknechts im obersteirischen Gebirge, die beschließen, als Heilige Drei Könige auszuziehen. Unerhört, dass eines davon – das Reserl – ein Mädchen ist. Dieser Schwester ist es schließlich zu verdanken, dass die beiden Brüder vor dem Erfrieren gerettet werden.
Berlepsch publizierte in verschiedenen Zeitschriften, unter anderem „Neues Frauenleben“ und „Der Bund“.Erzählung „Die Könige aus Morgenland“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: NB 534963-B POR MAG
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Goswina von Berlepsch
„Wollen s’ erfrieren, die Lackeln? Und ein Mädel gar ist mit ihnen ’gangen als Dreikönig?“
Adressen mit Stil
Die Redaktion befand sich bis 1891 in der Schottengasse 1, ein Eckhaus gleich bei der Freyung. Als dort ein Neubau geplant wurde, musste die „Wiener Mode“ ausziehen.
Blick von der Herrengasse in Richtung Schottengasse, wo sich im Eckhaus linker Hand die erste Redaktion der „Wiener Mode“ befand. Hier ein Foto aus 1911.
- ÖNB-Signatur: L 25.458B POR MAG
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Blick von der Herrengasse in Richtung Schottengasse, wo sich im Eckhaus linker Hand die erste Redaktion der „Wiener Mode“ befand. Hier ein Foto aus 1911.
Prachtbau nach Maß
Die „Wiener Mode“ ließ schließlich im 4. Wiener Bezirk in der heutigen Rechten Wienzeile ein eigenes Gebäude errichten, das ganz auf die Bedürfnisse eines Zeitschriftenverlages zugeschnitten war. Heute beherbergt das Haus der „Wiener Mode“ ein Hotel.
Übrigens: Fast genau gegenüber, auf der anderen Seite des Naschmarktes, redigierte Marie Lang ab 1899 die Zeitschrift „Dokumente der Frauen“.
Später sollte das Unternehmen dann in die nicht weit entfernte Gumpendorfer Straße übersiedeln.
Das Haus der „Wiener Mode“ in der Wienstraße 19 (heutige Adresse: Rechte Wienzeile 17).
Streit am Sitzungstisch
In einem ihrer Artikel schilderte Renée Francis, wie es in den Redaktionskonferenzen der „Wiener Mode“ zuging – freilich eine humoristische Fiktion, die auch Geschlechterklischees bediente. Und doch liegt nahe, dass ein wahrer Kern darin steckt. Die Redaktion streitet in einer Sitzung über den Inhalt der nächsten Ausgabe:
„Dem Chaos von Stimmen (die Mehrzahl der Redacteure ist nämlich weiblichen Geschlechtes) hatte die energisch klingende Glocke des Chef-Redacteurs ein rasches Ende bereitet (...).“
Renée Francis, Eine Redactionssitzung der „Wiener Mode“ (1895), Nr. 9, S. 325 – online lesen auf ANNO.
Es folgt eine heiße Diskussion zwischen Korrespondentinnen und Redactricen. Outfits werden diskutiert, Zuschriften verlesen und schließlich das Programm für die nächste Nummer festgelegt.
Ob es derart gesittet auch in den Redaktionskonferenzen der „Wiener Mode“ zuging? Illustration aus Heft 8, 1895.
Fleckenreine Manuskripte
Die Redaktionsarbeit wird in der Zeitschrift immer wieder satirisch geschildert. So enthüllt das Blatt im Februar 1888, wie ein sauberes Manuskript entsteht. In der Rubrik „Briefkasten“ wird eine Leserin, Fräulein Ida in Zell am See, ermuntert, ein Manuskript einzusenden. Bedenken werden mit einem Augenzwinkern ausgeräumt:
„Ihrem Style trauen Sie nicht? Haben Sie keine Bange, es ist nicht so arg; auch besitzen wir im Redactionszimmer eine neue patentirte Stylreinigungsmaschine, da hinein thuen wir solch einen Aufsatz; die Räder setzen sich in Bewegung, – und an der anderen Seite kommt das Manuscript fleckenrein gefeilt und mit den schönsten Beistrichen versehen wieder zum Vorschein.“
Wiener Mode, 1. Jg. (1888), Nr. 3
Hinter dem Scherz stand freilich eine Redaktion, in der Genauigkeit und Professionalität gefragt waren. Über Jahre war Fanny Burckhard ein fester Teil davon – 1898 kam sie schließlich an die Spitze.
Endlich im Bild
Als ausgewiesene Modekennerin fand Fanny Burckhard auch abseits ihres Schreibtisches Beachtung. Im Glanz der ausgehenden Habsburgermonarchie bewegte sie sich in der High Society Wiens. So gehörte sie 1910 etwa der Jury der „Schirmpromenade“ an, die auf der Ersten Internationalen Jagd-Ausstellung die schönsten Schirme prämierte. Dabei entstand ein Gruppenfoto, auf dem auch die Redactrice der „Wiener Mode“ zu erkennen ist – das bislang einzige bekannte Bild von ihr.
Aus der Mode gekommen
Witwenschleier
Im November 1910 verlor Fanny Burckhard ihren Mann Friedrich, genannt Fritz. Er starb im Alter von nur 40 Jahren „nach kurzem Leiden“, wie es in einer Zeitungsmeldung hieß. Bis dahin hatte er die Firma Burckhard und Sochatzy geführt – eine Pfaidlerei, in der Hemden und andere Textilien verkauft wurden.
Fanny Burckhard wurde damit knapp ein Jahr vor ihrem 50. Geburtstag zur Witwe.
Illustration eines Artikels über Trauermode von Renée Francis, 1889.
Umbruch in der „Wiener Mode“
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam Renée Francis in Verruf. Das französisch klingende Pseudonym wurde plötzlich suspekt. Also tauschte Fanny Burckhard es gegen die nüchterne deutsche Variante: Renate Franzis-Burckhard. Der internationale Flair war dahin.
Das Blatt führte sie noch bis März 1921. Danach wurde es an den Rob-Verlag verkauft, der es völlig umgestaltete und den Redaktionsstab auswechselte. Die anspruchsvolle weltoffene „Wiener Mode“, wie Fanny Burckhard sie über Jahrzehnte mitgeprägt hatte, war damit Geschichte. Und auch um die frühere Redactrice wurde es still.
Werbung für die „Wiener Mode“ 1925. Mit Fanny Burckhards Blatt hatte die Zeitschrift nun nicht mehr viel zu tun.
Mit 64 Jahren verstorben
Zuletzt wohnhaft in der Reisnerstraße 5 im 3. Wiener Gemeindebezirk, starb Fanny Burckhard am 27. Jänner 1926 an der Zuckerharnruhr, also Diabetes. Sie wurde 64 Jahre alt.
Die Wiener Tageszeitung „Die Stunde“ meldete im Jänner 1926 den Tod der Journalistin Burckhard.
Die „Wiener Mode“ – in ihrer ursprünglichen Façon – präsentierte ihren Leser*innen nicht nur Modestile, sondern auch neue Frauenbilder. Mit feinem Gespür verband Fanny Burckhard Mode mit gesellschaftlichen Fragen. Sie brachte frische Impulse in ein kommerzielles Blatt – ohne jedoch das Korsett der Konventionen ganz zu sprengen. Schließlich war die „Wiener Mode“ auch ein Magazin, das Lebensstil und die dazu passenden Produkte verkaufen wollte.
Im Kontext: Mode- und Haushaltsblätter
Im ausgehenden 19. Jahrhundert erfreuten sich Mode- und Haushaltszeitschriften im Habsburgerreich großer Beliebtheit, insbesondere in städtischen, bürgerlichen Milieus. Titel wie „Der Bazar“ (1854–1937), die auflagenstärkste Frauenzeitschrift ihrer Zeit mit etlichen Ablegern im Ausland, oder „Das Blatt der Hausfrau“ (1886–1944) boten Modebilder zur Inspiration, Schnittmuster zum Nachscheidern sowie Ratschläge für Haushalt, Kindererziehung und gesellschaftliches Auftreten. Mit hoher Auflage und großer Reichweite zeichneten sie das Ideal der „bürgerlichen Frau“ – stilvoll, tugendhaft und häuslich – und stellten vor allem schlanke, makellose, hellhäutige Körper ins Schaufenster.
Aus der Vielfalt der Mode- und Haushaltsblätter
Anders als Zeitschriften der Frauenbewegung stützten kommerzielle Mode- und Haushaltszeitschriften prinzipiell traditionelle Geschlechterrollen. Zugleich eröffneten sie aber Spielräume, in denen auch neue Ideen Platz fanden.
Die „Wiener Mode“ ist dafür ein gutes Beispiel: Unter Fanny Burckhards Leitung fanden auch gesellschaftskritische oder emanzipatorische Perspektiven Eingang – eingebettet freilich ins Selbstverständnis eines Magazins, das Mode inszenieren und Absatz fördern wollte.
Gerade weil Mode, Haushalt und Erziehung als „weiblich“ abgestempelt waren, boten diese Zeitschriften Frauen einen vergleichsweise leichten (oft aber schlecht bezahlten) Einstieg in den Journalismus – von der freien Mitarbeiterin, die Artikel lieferte, bis hin zur Blattmacherin.
… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“
→ Goswina von Berlepsch
→ Marie Bergmann
→ Betty Paoli
→ Bertha von Suttner
→ Regine Ulmann
Literatur
Emanuely, Alexander: Das Beispiel Colbert. Fin de siècle und Republik oder die vergessenen Ursprünge der Zivilgesellschaft in Österreich. Ein dokumentarischer Essay. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, 2020.
Francis, Renée (= Fanny Burckhard): „Eine Redactionssitzung der ‚Wiener Mode‘“, in: Wiener Mode, 8. Jg. (1895), Nr. 9, S. 325–328. Online lesen auf ANNO
Klingenstein, Eva: Die Frau mit Eigenschaften. Literatur und Geschlecht in der Wiener Frauenpresse. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 1997.