Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.

Schreiben ohne Korsett

Fanny Burckhard und die „Wiener Mode“

Die ab 1888 erscheinende „Wiener Mode“ war ein international erfolgreiches Magazin, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und Wien als Modemetropole präsentierte. Im Unterschied zu den Zeitschriften der Frauenbewegung um die Jahrhundertwende wurde sie in hoher Auflage gedruckt und erreichte somit ein breites Publikum. Fanny Burckhard (1861–1926) publizierte unter dem Pseudonym Renée Francis unzählige Artikel in der „Wiener Mode“. 1898 übernahm sie die Leitung der Redaktion, die im Gewand einer Modezeitschrift ein fortschrittliches Frauenbild stärkte.

Die Schusterstochter und die Medien

Redactrice ohne Gesicht?

Sich von Fanny Burckhard ein Bild zu machen, ist nicht leicht. Zwar leitete die zu ihrer Zeit bekannte Modeschriftstellerin viele Jahre lang die Redaktion einer international renommierten Zeitschrift – ein Porträt ist bis heute aber nicht bekannt. Ob sich irgendwo in der reich illustrierten Zeitschrift „Wiener Mode“ das Konterfei der Redactrice versteckt? Hinweise werden gerne entgegengenommen! 

Das einzige bisher entdeckte Bild von ihr findet sich auf einem Gruppenfoto. Es wird weiter unten in diesem Kapitel gezeigt.

Illustration in der „Wiener Mode“.

Von Mähren nach Wien

Bekannt sind immerhin einige Eckdaten ihrer Lebensgeschichte: Geboren wurde sie 1861 als Fanny Sochatzy im mährischen Neutitschein (Nový Jičín, heute Tschechien) als Tochter eines Schuhmachermeisters. Später übersiedelt die Familie nach Wien, wo Fanny eine Ausbildung an der Lehrerinnenbildungsanstalt machte.

Sie ergriff aber keinen pädagogischen Beruf, sondern schlug einen anderen Weg ein. Zuvor jedoch brachte ein Skandal ihr Leben aus dem Gleichgewicht. 

Fanny Burckhards Geburtsort: Neutitschein (Nový Jičín) um 1900 auf einer Ansichtskarte. 

Neben Fanny und ihrer Mutter blieben mehrere unmündige Kinder unversorgt zurück. Wie es mit der Familie weiterging, ist kaum bekannt, und auch Fannys Weg liegt in den folgenden Jahren im Dunkeln. Erst 1887 taucht sie wieder auf – im Redaktionsstab einer neu gegründeten Zeitschrift.

Die neueste „Wiener Mode“

Für die inhaltliche Ausrichtung des Blattes sorgte Ernst Ziegler. Doch er war keineswegs alleine prägend: Von Anfang an fanden sich Frauen in federführenden Positionen, wie Jenny Neumann (1860–1925), die in den ersten Jahren den Modeteil verantwortete. Fanny Sochatzy wurde Redakteurin – oder Redactrice, wie es damals hieß – wenngleich noch nicht in leitender Rolle. 

Aufatmen ohne Schnürleib

Eröffnet wurde jede Ausgabe der „Wiener Mode“ durch einen ausführlichen Modebericht. Während diesen anfangs meist Jenny Neumann schrieb, zeichnete bald immer öfter „Renée Francis“ dafür verantwortlich. Hinter diesem international klingenden Namen verbarg sich keine andere als Fanny Sochatzy bzw. Burckhard, wie sie nach ihrer Heirat mit Fritz Burckhard hieß. 

Ihre Texte, oft verfasst in heiter-ironischem Ton, verbanden Modethemen mit einer fortschrittlichen Haltung. So setzte sie sich für lockere Reformkleidung ein. 

Bisher galt das Korsett als unverzichtbares Kleidungsstück bürgerlicher Frauen: Der „Schnürleib“ presste die Körpermitte in eine unnatürliche Wespentaille – mit oft schweren gesundheitlichen Folgen. Wenn „Renée Francis“ für mehr Bewegungsfreiheit und Luft zum Atmen plädierte, dann war das nicht nur eine Modeempfehlung: Es bedeutete auch einen Angriff auf ein gesellschaftliches Frauenbild – ohne jedoch das gängige Schönheitsideal gertenschlanker Körper grundsätzlich in Frage zu stellen.

Reformkleid, „Wiener Mode“ 1905.

„Auf sehr subtile Art wurden fortschrittliche, zeitweise sogar revolutionär wirkende Ideen in Wohnzimmer, Salons und Boudoirs gebracht (...).“

Alexander Emanuely, Das Beispiel Colbert (2020)

Dame oder Herr?

Das Pseudonym Fanny Burckhards, Renée Francis, lässt einen gewissen Interpretationsspielraum, was das Geschlecht angeht. Das beschäftigte auch junge Leser*innen. So schreibt nach Erscheinen einer speziell auf Kinder zugeschnittenen Nummer die kleine Cilli von Marschall einen Brief an die „Wiener Mode“:

„Ich möchte Sie gerne etwas fragen, ob Renée Francis eine Dame oder ein Herr ist. Mama sagt ein Herr, aber Herren schreiben keine Puppengeschichten, nicht wahr. (...) Bitte sagen Sie mirs.“

Die Redaktion antwortet augenzwinkernd: 

„[W]enn Mama erlaubt, daß Du uns Deine genaue Adresse mittheilst, dann schickt Renée Francis Dir eine Photographie, daß Du sehen kannst, ob Mama recht hat oder Du.“

Wiener Mode, 2. Jg. (1889), Nr. 15

Schneiderei

Die „Wiener Mode“ zeigte nicht nur die neuesten Trends, sondern lieferte auch die passenden Schnittmuster, um die Stücke nachschneidern (lassen) zu können. Unter ihrem Pseudonym brachte Fanny Burckhard auch ein Büchlein heraus, das in die Kunst der Schneiderei einführte: „Die Schule des Kleidermachens“ erschien 1896 im Verlag der „Wiener Mode“.

Anzeige für „Die Schule des Kleidermachens“ von „Renée Francis“.

Eine zeitgenössische Würdigung unterstreicht, dass Fanny Burckhard die Mode nicht rein oberflächlich betrachtete, sondern Tiefgang bewies:

„Sie hat dem Modenbericht ein neues Feld eröffnet, da sie (…) mit kritischer Feder schreibt und auf Geschmacklosigkeiten aufmerksam macht.“

Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder (1898)

  • Im Wortlaut:

    Die Stickerin. 

    Wie so freudlos ihre Tage fließen!
    Früh am Morgen seh ich sie begießen
    Welke Blumen, tief das Haupt gesenkt;
    Mitleid fühlt sie mit dem Schwesterlose
    Wenn sie, selbst nur eine bleiche Rose,
    An ihr eig'nes, armes Leben denkt.

    Diese Hände, die sich blutig quälen
    Tag für Tag, sie wissen zu erzählen
    Von dem Herzen, das so einsam schlägt,
    Wenn sie rasten, müde und zerstochen,
    Nachts darauf, und ungestört sein Pochen
    Nach den Blüten seines Lenzes frägt …

    Franz Le Fort.

  • In: Wiener Mode, 18. Jg. (1905), Nr. 14, S. 716
Scan eines Zeitungsausschnitts mit dem Gedicht „Die Stickerin“ von Franz Le Fort.
  • In: Wiener Mode, 18. Jg. (1905), Nr. 14, S. 716

Gedicht von Franz Le Fort (1868–1932) über das triste Dasein einer Stickerin. 

Detail zu einem gestickten Polster. 

  • In: Wiener Mode, 20. Jg. (1906), Nr. 21, S. 1079
Schwarz-weiß-Abbildung einer gestickten Frauenfigur: sichtbar sind Kopf mit Haar und Hut, eine Masche sowie der Bereich bis zum Brustansatz.
  • In: Wiener Mode, 20. Jg. (1906), Nr. 21, S. 1079

Detail zu einem gestickten Polster. 

Vom Boudoir in die Redaktionskonferenz

Zum Erfolgsrezept der „Wiener Mode“ gehörte, dass sie nicht nur Modezeitschrift war. Einen großen Teil nahm das Feuilleton ein – mit Belletristik, Lyrik und Essays auf höchstem Niveau. „Im Boudoir“ lautete der Titel des literarischen Teils. Dort, also in einem privaten Damengemach, wehte mitunter ein fortschrittlicher, sozialkritischer Geist. Hier fanden auch emanzipatorische Ideen ihren Platz, etwa wenn bemerkenswerte Frauen und ihre Leistungen porträtiert wurden. 

„Im Boudoir“: Titelkopf 1905. 

Stimmen in der „Wiener Mode“

  • Regine Ulmann, geborene Kohn (1847–1939), berichtete 1888 in einem Artikel über „Die Handarbeit in der Gewerbe-Ausstellung“. Als Journalistin schrieb sie nicht nur für das „Neue Wiener Tagblatt“, sondern leitete auch die Zeitschrift „Das Blatt der Hausfrau“. 

    Besonderes Anliegen war ihr die Bildung jüdischer Mädchen: Mit 19 Jahren war sie Mitbegründerin des Wiener Mädchenunterstützungsvereins – eine der ersten jüdischen Initiativen, die jungen Frauen den Zugang zu einer Berufsausbildung ermöglichte. Sie engagierte sich in zahlreichen weiteren Frauenvereinen und arbeitete eng mit Marianne Hainisch zusammen. 1938 wurde der Mädchenunterstützungsverein vom NS-Regime aufgelöst, kurz darauf starb Ulmann in Wien.

    Artikel „Die Handarbeit in der Gewerbe-Ausstellung“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: 399.792 - D. Pt / 2 / 36 - Seite 15 POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Regine Uhlmann: mit Kopfbedeckung, vorne das Haar sichtbar, im dunklen Oberteil; der Blick geht knapp an der Kamera vorbei.
  • ÖNB-Signatur: 399.792 - D. Pt / 2 / 36 - Seite 15 POR MAG

Regine Ulmann

„[U]nsere Frauen lieben es keineswegs, ein Kleidungsstück zu tragen oder in ihrem stylvollen Heim eine Decke zu sehen, wie sie in ganz gleicher Anordnung und Ausführung Tausende und aber Tausende von Mitschwestern (…) besitzen.“

  • Betty Paoli (1814–1894), geboren als Barbara Elisabeth Glück, war nicht nur eine gefeierte Lyrikerin, sondern auch eine der ersten Berufsjournalistinnen im Habsburgerreich. Sie schrieb zahlreiche Artikel, vor allem als Theater- und Literaturkritikerin für große Wiener Zeitungen. Die „Wiener Mode“ druckte in Nr. 12 des Jahres 1888 Paolis Gedicht „Das befreiende Wort“. Dieses lautet gleichmütig: „Was liegt daran?!“

    Gedicht „Das befreiende Wort“ online lesen auf ANNO

  • In: Wiener Mode, 9. Jg. (1895), Nr. 3, S. 107
Scan einer Schwarz-weiß-Fotografie von Betty Paoli, abgedruckt in einer Zeitschrift: im schräg-seitlichen Profil nach links blickend, mit mittig gescheiteltem, wellig über die Ohren frisiertem Haar und einem mit Maschen verzierten Häubchen.
  • In: Wiener Mode, 9. Jg. (1895), Nr. 3, S. 107

Betty Paoli

„Ein Wort hab’ ich erkoren, 

Das in der Lebensschlacht,

Ein Schutz, stets unverloren,

Mich hieb- und schußfest macht.“

  • Marie Weyr (1864–1903) schildert in ihrem Feuilleton „Eine Rettung“ (15. Oktober 1902) eine Möchtegern-Poetin aus einer Provinzstadt, die beim berühmten Dichter „Bernt Lind“ vorspricht. Doch es empfängt sie eine Dame: „Sie hält eine Feder in der Hand, die sie später dicht an das graugesprenkelte, kurzgeschnittene Haar hinters Ohr steckt, trägt eine schwarze Wirtschaftsschürze mit Latz und Schreiberärmel (...).“ Sie gibt sich als „Bernt Lind“ zu erkennen und warnt die junge Frau vor der „Sklavenarbeit“ als Journalistin.
    Die heute vergessene Schriftstellerin Marie Weyr, geborene Uhl, publizierte zahlreiche Feuilletons und Theaterkritiken in verschiedenen Blättern, unter anderem in der „Wiener Zeitung“. 

    Der Jahrgang 1902/1903 der „Wiener Mode“ kann an der Österreichischen Nationalbibliothek eingesehen werden, ist jedoch noch nicht auf ANNO verfügbar. 

  • ÖNB-Signatur: PORT_00103850_01
Schwarz-weiß-Grafik von Marie Weyr: im Profil nach links, mit halb über den Kopf gelegtem, am Hals gebundenem Tuch; entlang der Haarlinie Blätter, im Hintergrund eine Pflanze mit Blättern.
  • ÖNB-Signatur: PORT_00103850_01

Marie Weyr

„Aber, Kind, wissen Sie es denn noch immer nicht, daß Ihr Dichter eine Frau ist, daß ich selber es bin?“

  • In einer Erzählung des französischen Erfolgsautors Émile Zola (1840–1902) verfällt eine Sechzehnjährige nach einer Ballnacht ins Grübeln über ihre Zukunft.

    Zwischen Zola und der „Wiener Mode“ bestand eine besondere Verbindung: Ernst Ziegler übersetzte die Werke des Franzosen ins Deutsche. Er stand in engem Kontakt mit dem Autor, der einem breiten bürgerlichen Publikum die miserablen Lebensbedingungen des Proletariats vor Augen führte. Zolas humanistischer und sozialkritischer Ansatz floss auch in die „Wiener Mode“ ein.

    Erzählung „Die Tanzordnung“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: PORT_00005926_01 POR MAG
Schwarz-weiß-Grafik von Émile Zola: mit kurzem Haar und Vollbart, die Hände über der Brust verschränkt; er trägt ein Kneifer-Brille am Band und blickt direkt nach vorn.
  • ÖNB-Signatur: PORT_00005926_01 POR MAG

Émile Zola

„‚Ein Gatte!‘ sagte sie endlich, ‚das gefällt mir nicht (...).‘“

  • „In Gefahr“ lautet der Titel einer Erzählung von Bertha von Suttner (1843–1914), erschienen 1888 in der „Wiener Mode“. Die titelgebende Gefahr besteht darin, dass sich eine junge Frau in einen Mann verliebt, dem sie nicht traut. Aus dem Jenseits gibt ihr der verstorbene Vater einen Rat. 
    Die große Friedensaktivistin Suttner war selbst journalistisch tätig, unter anderem als Herausgeberin der Zeitschrift „Die Waffen nieder!“.

    Erzählung „In Gefahr“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: Pf 3437 D1 POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Bertha von Suttner: im dunklen Oberteil, locker von einem Fell umgeben; mit nach hinten frisiertem dunklem Haar, der Blick leicht schräg nach links gerichtet.
  • ÖNB-Signatur: Pf 3437 D1 POR MAG

Bertha von Suttner

„Wenn ihr seine Lippen wieder so nahe kommen, wenn er sie wieder kühn umfassen will – sie wird die Augen schließen und – – “

  • Die österreichisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin Goswina von Berlepsch (1845–1916) veröffentlichte ihre Erzählung „Die Könige aus Morgenland“ am 15. Jänner 1905 in der „Wiener Mode“. Sie handelt von drei Kindern eines armen Holzknechts im obersteirischen Gebirge, die beschließen, als Heilige Drei Könige auszuziehen. Unerhört, dass eines davon – das Reserl – ein Mädchen ist. Dieser Schwester ist es schließlich zu verdanken, dass die beiden Brüder vor dem Erfrieren gerettet werden. 
    Berlepsch publizierte in verschiedenen Zeitschriften, unter anderem „Neues Frauenleben“ und „Der Bund“.

    Erzählung „Die Könige aus Morgenland“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: NB 534963-B POR MAG
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Goswina von Berlepsch: mit mittig gescheiteltem, welligem, offen getragenem Haar, im dunklen Oberteil mit weißem Rüschenkragen und mittiger Brosche; der Blick ist leicht nach links gerichtet.
  • ÖNB-Signatur: NB 534963-B POR MAG

Goswina von Berlepsch

„Wollen s’ erfrieren, die Lackeln? Und ein Mädel gar ist mit ihnen ’gangen als Dreikönig?“

Adressen mit Stil

Die Redaktion befand sich bis 1891 in der Schottengasse 1, ein Eckhaus gleich bei der Freyung. Als dort ein Neubau geplant wurde, musste die „Wiener Mode“ ausziehen.

Blick von der Herrengasse in Richtung Schottengasse, wo sich im Eckhaus linker Hand die erste Redaktion der „Wiener Mode“ befand. Hier ein Foto aus 1911.

  • ÖNB-Signatur: L 25.458B POR MAG
  • ÖNB-Signatur: L 25.458B POR MAG

Blick von der Herrengasse in Richtung Schottengasse, wo sich im Eckhaus linker Hand die erste Redaktion der „Wiener Mode“ befand. Hier ein Foto aus 1911.

Prachtbau nach Maß

Die „Wiener Mode“ ließ schließlich im 4. Wiener Bezirk in der heutigen Rechten Wienzeile ein eigenes Gebäude errichten, das ganz auf die Bedürfnisse eines Zeitschriftenverlages zugeschnitten war. Heute beherbergt das Haus der „Wiener Mode“ ein Hotel.

Übrigens: Fast genau gegenüber, auf der anderen Seite des Naschmarktes, redigierte Marie Lang ab 1899 die Zeitschrift „Dokumente der Frauen“.

Später sollte das Unternehmen dann in die nicht weit entfernte Gumpendorfer Straße übersiedeln.

Das Haus der „Wiener Mode“ in der Wienstraße 19 (heutige Adresse: Rechte Wienzeile 17).

Streit am Sitzungstisch

In einem ihrer Artikel schilderte Renée Francis, wie es in den Redaktionskonferenzen der „Wiener Mode“ zuging – freilich eine humoristische Fiktion, die auch Geschlechterklischees bediente. Und doch liegt nahe, dass ein wahrer Kern darin steckt. Die Redaktion streitet in einer Sitzung über den Inhalt der nächsten Ausgabe: 

„Dem Chaos von Stimmen (die Mehrzahl der Redacteure ist nämlich weiblichen Geschlechtes) hatte die energisch klingende Glocke des Chef-Redacteurs ein rasches Ende bereitet (...).“ 

Renée Francis, Eine Redactionssitzung der „Wiener Mode“ (1895), Nr. 9, S. 325 – online lesen auf ANNO.

Es folgt eine heiße Diskussion zwischen Korrespondentinnen und Redactricen. Outfits werden diskutiert, Zuschriften verlesen und schließlich das Programm für die nächste Nummer festgelegt. 

Ob es derart gesittet auch in den Redaktionskonferenzen der „Wiener Mode“ zuging? Illustration aus Heft 8, 1895.

Fleckenreine Manuskripte

Die Redaktionsarbeit wird in der Zeitschrift immer wieder satirisch geschildert. So enthüllt das Blatt im Februar 1888, wie ein sauberes Manuskript entsteht. In der Rubrik „Briefkasten“ wird eine Leserin, Fräulein Ida in Zell am See, ermuntert, ein Manuskript einzusenden. Bedenken werden mit einem Augenzwinkern ausgeräumt: 

„Ihrem Style trauen Sie nicht? Haben Sie keine Bange, es ist nicht so arg; auch besitzen wir im Redactionszimmer eine neue patentirte Stylreinigungsmaschine, da hinein thuen wir solch einen Aufsatz; die Räder setzen sich in Bewegung, – und an der anderen Seite kommt das Manuscript fleckenrein gefeilt und mit den schönsten Beistrichen versehen wieder zum Vorschein.“

Wiener Mode, 1. Jg. (1888), Nr. 3

Hinter dem Scherz stand freilich eine Redaktion, in der Genauigkeit und Professionalität gefragt waren. Über Jahre war Fanny Burckhard ein fester Teil davon – 1898 kam sie schließlich an die Spitze. 

Endlich im Bild

Als ausgewiesene Modekennerin fand Fanny Burckhard auch abseits ihres Schreibtisches Beachtung. Im Glanz der ausgehenden Habsburgermonarchie bewegte sie sich in der High Society Wiens. So gehörte sie 1910 etwa der Jury der „Schirmpromenade“ an, die auf der Ersten Internationalen Jagd-Ausstellung die schönsten Schirme prämierte. Dabei entstand ein Gruppenfoto, auf dem auch die Redactrice der „Wiener Mode“ zu erkennen ist – das bislang einzige bekannte Bild von ihr.  

Aus der Mode gekommen

Witwenschleier


Im November 1910 verlor Fanny Burckhard ihren Mann Friedrich, genannt Fritz. Er starb im Alter von nur 40 Jahren „nach kurzem Leiden“, wie es in einer Zeitungsmeldung hieß. Bis dahin hatte er die Firma Burckhard und Sochatzy geführt – eine Pfaidlerei, in der Hemden und andere Textilien verkauft wurden.

Fanny Burckhard wurde damit knapp ein Jahr vor ihrem 50. Geburtstag zur Witwe.  

Illustration eines Artikels über Trauermode von Renée Francis, 1889.

Umbruch in der „Wiener Mode“

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam Renée Francis in Verruf. Das französisch klingende Pseudonym wurde plötzlich suspekt. Also tauschte Fanny Burckhard es gegen die nüchterne deutsche Variante: Renate Franzis-Burckhard. Der internationale Flair war dahin. 

Das Blatt führte sie noch bis März 1921. Danach wurde es an den Rob-Verlag verkauft, der es völlig umgestaltete und den Redaktionsstab auswechselte. Die anspruchsvolle weltoffene „Wiener Mode“, wie Fanny Burckhard sie über Jahrzehnte mitgeprägt hatte, war damit Geschichte. Und auch um die frühere Redactrice wurde es still.

Werbung für die „Wiener Mode“ 1925. Mit Fanny Burckhards Blatt hatte die Zeitschrift nun nicht mehr viel zu tun.

Mit 64 Jahren verstorben

Zuletzt wohnhaft in der Reisnerstraße 5 im 3. Wiener Gemeindebezirk, starb Fanny Burckhard am 27. Jänner 1926 an der Zuckerharnruhr, also Diabetes. Sie wurde 64 Jahre alt.

Die Wiener Tageszeitung „Die Stunde“ meldete im Jänner 1926 den Tod der Journalistin Burckhard.

Die „Wiener Mode“ – in ihrer ursprünglichen Façon – präsentierte ihren Leser*innen nicht nur Modestile, sondern auch neue Frauenbilder. Mit feinem Gespür verband Fanny Burckhard Mode mit gesellschaftlichen Fragen. Sie brachte frische Impulse in ein kommerzielles Blatt – ohne jedoch das Korsett der Konventionen ganz zu sprengen. Schließlich war die „Wiener Mode“ auch ein Magazin, das Lebensstil und die dazu passenden Produkte verkaufen wollte.

Im Kontext: Mode- und Haushaltsblätter

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erfreuten sich Mode- und Haushaltszeitschriften im Habsburgerreich großer Beliebtheit, insbesondere in städtischen, bürgerlichen Milieus. Titel wie „Der Bazar“ (1854–1937), die auflagenstärkste Frauenzeitschrift ihrer Zeit mit etlichen Ablegern im Ausland, oder „Das Blatt der Hausfrau“ (1886–1944) boten Modebilder zur Inspiration, Schnittmuster zum Nachscheidern sowie Ratschläge für Haushalt, Kindererziehung und gesellschaftliches Auftreten. Mit hoher Auflage und großer Reichweite zeichneten sie das Ideal der „bürgerlichen Frau“ – stilvoll, tugendhaft und häuslich – und stellten vor allem schlanke, makellose, hellhäutige Körper ins Schaufenster.
 

Aus der Vielfalt der Mode- und Haushaltsblätter

… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“

→ Goswina von Berlepsch
→ Marie Bergmann
→ Betty Paoli
→ Bertha von Suttner
→ Regine Ulmann


Literatur

Emanuely, Alexander: Das Beispiel Colbert. Fin de siècle und Republik oder die vergessenen Ursprünge der Zivilgesellschaft in Österreich. Ein dokumentarischer Essay. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, 2020.

Francis, Renée (= Fanny Burckhard): „Eine Redactionssitzung der ‚Wiener Mode‘“, in: Wiener Mode, 8. Jg. (1895), Nr. 9, S. 325–328. Online lesen auf ANNO

Klingenstein, Eva: Die Frau mit Eigenschaften. Literatur und Geschlecht in der Wiener Frauenpresse. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 1997. 

Zum nächsten Kapitel:
Blattmacherinnen im Interview