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Sprachrohr der Unzufriedenen
Adelheid Popp und die „Arbeiterinnen-Zeitung“
Die 1892 gegründete „Arbeiterinnen-Zeitung“ wandte sich gezielt an proletarische Frauen, die als Leserinnen in der politischen Presse bis dahin nicht beachtet worden waren. Unter der langjährigen leitenden Redakteurin Adelheid Popp, geborene Dwořak (1869–1939), griff das Blatt jene Themen auf, die ihr Leben bestimmten – harte Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Not, beengte Wohnverhältnisse, Mehrfachbelastung durch Familie und Haushalt, fehlender Zugang zu Bildung – und stellte sie in den größeren Zusammenhang der Forderung nach gleichen Rechten. So wurde die „Arbeiterinnen-Zeitung“ zu einem wichtigen Motor der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Österreich.
Ein Fabriksmädchen erhebt die Stimme
Eine eigene Zeitung zu haben – das war für die junge Arbeiter*innenbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert ein hohes Gut. Sie diente nicht nur zur Information, sondern sollte – als Symbol für den gemeinsamen Kampf – auch Zusammenhalt und Klassenbewusstsein stärken. Für die jugendliche Arbeiterin Adelheid Dwořak (1869–1939), die unter ihrem Ehenamen Popp eine der prägendsten Figuren der sozialdemokratischen Frauenbewegung werden sollte, waren Zeitungen auch geistige Nahrung, die sie zuweilen mehr brauchte als einen Bissen Brot: „Schon als Lehrmädchen“, schrieb sie in ihren Lebenserinnerungen, „habe ich mir oft nichts zu essen gegönnt, um mir eine Zeitung kaufen zu können.“
Leselust trotz Armut – Adelheid Popp als Mädchen, vertieft in ihre Lektüre.
Die Blätter, die die österreichische Sozialdemokratie hervorbrachte – etwa die 1886 (wieder-)gegründete „Gleichheit“ oder die ab 1889 erscheinende „Arbeiter-Zeitung“ – sprachen ein männliches Lesepublikum an. So erinnerte sich Adelheid Popp später: „[A]lle Aufforderungen ‚meiner Zeitung‘ waren immer nur an die Arbeiter, an die Männer gerichtet.“ Als einmal ausnahmsweise doch ein Artikel explizit Frauen thematisierte, schlug er bei der jungen Adelheid ein wie eine Bombe. In ihren Lebenserinnerungen – 1909 erstmals unter dem Titel „Jugendgeschichte einer Arbeiterin von ihr selbst erzählt“ veröffentlicht und später vielfach neu aufgelegt – sollte sie schreiben:
„Ich konnte das Gelesene unmöglich für mich behalten (…). Ich stieg zu Hause auf einen Stuhl und hielt eine Ansprache, wie ich es machen würde, wenn ich in einer Versammlung zu reden hätte.“
Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927)
Mitreißende Rednerin
„Das Mädel spricht wie ein Mann“, kommentierte kopfschüttelnd mancher Bürobedienstete im Vorbeigehen, wenn Adelheid Dwořak in den Pausen den anderen Fabriksarbeiterinnen vortrug, was sie in der Zeitung gelesen hatte.
Als sie begann, sich in der sozialdemokratischen Partei zu engagieren, profilierte sie sich rasch als mitreißende Rednerin auf zahlreichen Versammlungen. Auch in der Sozialdemokratie war bisher Politik von Männern für Männer gemacht worden. Nun erhob Adelheid Dwořak als eine der ersten Frauen ihre Stimme.
Adelheid Dwořak spricht 1892 vor einer Versammlung arbeitsloser Frauen.
- In: Das Interessante Blatt, 22. Dezember 1892, S. 4
Adelheid Dwořak spricht 1892 vor einer Versammlung arbeitsloser Frauen.
Illustration aus Adelheid Popps autobiografischer Rückschau „Traurige Jugend“ (1927), gezeichnet von Heinrich Pangratz.
- In: Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927), S. 109
Bereits in jungen Jahren hatte sie ihr rhetorisches Talent in Arbeitspausen erprobt.
„Und nun, Genossinnen, an’s Werk!“
Mit diesen Worten schloss ein Appell zur Gründung einer „Arbeiterinnen-Zeitung“, der am 2. Oktober 1891 auf dem Titelblatt der „Arbeiter-Zeitung“ prangte – ein erster Erfolg der Genossinnen, die gegen den Widerstand der sozialdemokratischen Männer ankämpfen mussten.
„Für eine geeignete Redaktion ist gesorgt; tüchtige Genossinnen im In- und Auslande haben ihre Mitarbeiterschaft bereits zugesagt“, so der Aufruf. „Was aber fehlt, sind die Geldmittel“. Nun galt es, für die „Arbeiterinnen-Zeitung“ zu laufen und Subskriptionen sowie Spenden einzusammeln.
Neun Frauen hatten den Aufruf unterzeichnet. Ganz oben auf der Liste: Adelheid Dwořack (sic), Gaudenzdorf, Plankengasse 7 (nun Diefenbachgasse, Wien 15).
Aus dem Aufruf zur Gründung der „Arbeiterinnen-Zeitung“, gedruckt auf Seite 1 der „Arbeiter-Zeitung“ vom 2. Oktober 1891 – online lesen auf ANNO.
Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ erwacht
Das Unternehmen gelang: Die allererste Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“ erschien am 1. Jänner 1892.
Jubel über Nummer 1
„Was war das für Freude, als unsere erste Nummer erschien! Mit fiebernder Ungeduld wurde sie von den Genossinnen erwartet! Aus den Fabriken eilten sie (…), um sie zu kaufen. (…) Jede Genossin war damals stolz darauf, freiwillige Kolporteurin zu sein, und von Versammlung zu Versammlung, von Fest zu Fest lief man mit dem Zeitungspaket im Arm.“ So blickte die „Arbeiterinnen-Zeitung“ in ihrer Jubiläumsausgabe vom 2. Jänner 1912 auf ihre Gründung zurück (online lesen auf ANNO).
Die Titelseite der ersten Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“, erschienen am 1. Jänner 1892 in Wien. Auf ANNO online in der Zeitung blättern.
- ÖNB-Signatur: 394591-D NEU PER
Die Titelseite der ersten Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“, erschienen am 1. Jänner 1892 in Wien. Auf ANNO online in der Zeitung blättern.
Die freiwilligen Kolporteurinnen spielten im Vertrieb der sozialdemokratischen Presse eine wichtige Rolle. So streute Adelheid Popp diesen Helferinnen anlässlich des zehnjährigen Jubiläums einer anderen Zeitschrift, der „Unzufriedenen“, Rosen: „So wie sie in Wien die höchsten Stockwerke erklettern, mit müden Füßen, mit von anderer Arbeit erschöpften Körpern, so gehen sie auch auf dem Lande in die entlegensten Dörfer und legen mühsam stundenweite Wege zurück“.
In: Adelheid Popp, Zehn Jahre „Unzufriedene“, S. 7, online lesen auf ANNO.
- In: Die Unzufriedene, 16. Jänner 1932, S. 5
Eine sozialdemokratische Kolporteurin, abgebildet in „Die Unzufriedene“, mit einer Ausgabe der Zeitschrift in der Hand.
„Frauen auch zum politischen Kampf erziehen“
Der Leitartikel der ersten Nummer erschien ohne Angabe eines Namens. Wie aus späteren Äußerungen bekannt ist, stammt der Text „Zur Einführung“ aus der Feder Adelheid Dwořaks (online lesen auf ANNO). Im Folgenden sind einige Passagen daraus zitiert (bitte weiterklicken):
Adelheid Dwořak als junge Frau.
Im Impressum waren zwar drei Frauen als „Eigenthümer“ genannt – Adelheid Dwořak, Marie Grubinger und Viktoria Kofler –, tatsächlich aber wurde das neue Blatt zunächst von der männlichen Belegschaft der „Arbeiter-Zeitung“ herausgegeben und redigiert. Man traute den Frauen schlicht nicht zu, diese Arbeit selbst zu besorgen.
Impressum der ersten Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“.
Obwohl fünffache Mutter und, wie so viele Arbeiter*innen, durch Lungentuberkulose geschwächt, war Viktoria Kofler Tag und Nacht für die Belange der Frauen in der Partei auf den Beinen. So wurde auf ihren Aufruf hin ein Arbeiterinnen-Bildungsverein gegründet. Sie soll die Erste gewesen sein, die die Gründung eines proletarischen Frauenblattes anregte.
Sie verfasste auch selbst Artikel für die „Arbeiterinnen-Zeitung“ und blieb bis zu ihrem Tod 1894 deren Herausgeberin.
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 16
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 16
Viktoria Kofler
Von Beruf eigentlich Schneiderin, war Marie (auch Maria) Grubinger eine der frühesten Mitstreiterinnen Adelheid Dwořaks, die sich in ihrem Werk „Der Weg zur Höhe“ erinnerte: „Sie und ich veranstalteten zahlreiche allgemein zugängliche Versammlungen in fast allen Wiener Bezirken und auch in der Provinz.“
Bei der Gründung der „Arbeiterinnen-Zeitung“ kümmerte Grubinger sich etwa um die mühevolle Anwerbung von Abonnentinnen, teilte Subskriptionsbögen aus oder hob die Beiträge ein.
Bis Ende 1892 schien sie als Eigentümerin des Blattes auf, nicht lange danach verliert sich ihre Spur: Über Grubingers weiteres Schicksal wissen wir wenig. Nicht einmal ihre Lebensdaten sind bisher bekannt.
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 20
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 20
Marie Grubinger
Dass es Männer waren, die die „Arbeiterinnen-Zeitung“ machten – damit wollten sich die Genossinnen nicht abfinden. Beim Parteitag zu Pfingsten 1892 setzten sie gegen allerlei Widerstände und Einwände eine weibliche Redaktion durch.
„(…) es gebe noch keine Genossin, die den Befähigungsnachweis zur Redakteurin erbracht hätte. Wir fragten die Genossen, (…) wie sie den Befähigungsnachweis erbracht hätten, ehe ihnen Gelegenheit gegeben war, bei solcher Arbeit tätig zu sein. Viktor Adler sagte, die Ausführungen der weiblichen Delegierten seien der beste Befähigungsnachweis. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.“
Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)
Redakteurin mit klarer Haltung
Zur Leiterin der „Arbeiterinnen-Zeitung“ wurde die damals 22-jährige Adelheid Dwořak erklärt. Am 15. Oktober 1892 machte sie sich das erste Mal auf den Weg in die Amerlingstraße 5 im 6. Wiener Gemeindebezirk. Dort befand sich damals die Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“.
Blick in die Amerlingstraße in Richtung Mariahilferstraße (um 1900). Ansichtskarte einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.
- Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 185521
- Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 185521
Blick in die Amerlingstraße in Richtung Mariahilferstraße (um 1900). Ansichtskarte einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.
Kein eigener Schreibtisch
Von den Redakteuren Ludwig August Bretschneider und Jakob Reumann wird sie freundlich empfangen. Sie bekommt einen Platz am Sitzungstisch in der Mitte des Raumes zugewiesen.
„Für einen dritten Schreibtisch in Fensternähe wäre in dem einen Zimmer, aus welchem Redaktion und Sekretariat bestanden, nicht Platz gewesen.“
Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)
Redakteure der „Arbeiter-Zeitung“ (von links): Ludwig August Bretschneider (1860–1929) und Jakob Reumann (1853–1925), der spätere Wiener Bürgermeister.
Wer heizt zuerst ein?
„Es war ein ungemütlicher Oktobertag, der 15., an welchem ich in der Redaktion zu arbeiten begann. Die Genossen rieben sich fröstelnd die Hände. Ich fror auch und hätte gern meine Kunst im Feuermachen gezeigt, aber eines stand mir vor Augen: daß es wichtig sei, den Genossen gleichwertig zu erscheinen. (...) Ich hatte Angst, schließlich als ‚Mädchen für alles‘ behandelt zu werden und ließ alle Stoßseufzer nach Heizung ungehört.“
Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)
Warum die Chefredakteurin Beistrichfehler machte
Da Adelheid Dwořak quasi über Nacht von der Fabriksarbeiterin zur Chefredakteurin geworden war, ging ihr das Schreiben und Redigieren nicht von Anfang an fehlerlos von der Hand.
Wie so viele Arbeiter*innen hatte sie kaum Schulbildung genossen. Ihr Vater, ein Alkoholiker und Gewalttäter, war früh gestorben. Damit die Familie überleben konnte, mussten die Kinder arbeiten, sobald es nur ging. Schon als kleines Mädchen nähte Adelheid nach der Schule Knöpfe auf Papier oder saß bis in die Nacht an Spitzentüchern. Und das für einen Hungerlohn.
Den Unterricht durfte sie nur bis zum 11. Lebensjahr besuchen – Schulpflicht hin oder her.
Als sie nun ihren Posten als leitende Redakteurin antrat, war sie, die Vielleserin und geübte Rednerin, bereits wortgewandt. Doch Rechtschreibung und Zeichensetzung musste sie erst lernen.
Illustration aus Adelheid Popps autobiografischer Rückschau „Traurige Jugend“ (1927), gezeichnet von Heinrich Pangratz.
- In: Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927), S. 30
Kinderarbeit statt Hausübungen – die junge Adelheid Dwořak als Heimarbeiterin beim Anfertigen von Spitze…
Illustration aus Adelheid Popps autobiografischer Rückschau „Traurige Jugend“ (1927), gezeichnet von Heinrich Pangratz.
- In: Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927), S. 15
…und beim Aufnähen von Knöpfen auf Karton.
Weil sie nach damaligem Recht erst mit ihrem 24. Geburtstag die Volljährigkeit erreichte, dauerte es noch einige Monate, bevor die Schriftleiterin auch im Impressum ausgewiesen wurde. Am 17. Februar 1893, sechs Tage nach ihrem Geburtstag, war es so weit: „Für die Redaktion verantwortlich: Adelheid Dwořak.“
Im Wortlaut:
Herausgeberin: Viktoria Kofler. – Für die Redaktion verantwortlich: Adelheid Dwořak. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien IX. Alserstraße 32.
- In: Arbeiterinnen-Zeitung, 17. Februar 1893, S. 8
- In: Arbeiterinnen-Zeitung, 17. Februar 1893, S. 8
Doch was bedeutete es eigentlich, für die Redaktion „verantwortlich“ zu sein?
Im Arrest
1895 erschien in der Nr. 13 der „Arbeiterinnen-Zeitung“ ein Artikel mit dem Titel „Frau und Eigenthum“, der die Beschlagnahme der Ausgabe nach sich zog. Das Straflandesgericht Wien begründete dies damit, dass der Text „die Einrichtungen der Ehe, der Familie und die Rechtsbegriffe über das Eigenthum herabwürdigt und zu erschüttern versucht“. Als verantwortliche Redakteurin war es Adelheid Popp (wie sie nach ihrer Verheiratung mit Julius Popp im Jahr 1893 hieß), die sich vor Gericht verantworten musste – obwohl sie den Artikel nicht geschrieben hatte.
Sie bekannte sich nicht schuldig. Die Geschworenen – damals ausschließlich Männer – sahen das jedoch anders. Adelheid Popp musste 14 Tage in Arrest.
Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die „Arbeiterinnen-Zeitung“ ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet. Beschlagnahmen, Hausdurchsuchungen und Prozesse behinderten immer wieder die Redaktionsarbeit.
Im Wortlaut:
Zahl 32.897
Das k. k. Landesgericht zu Wien in Strafsachen.
An Frau Adelheid Popp-Dwořak, verantw. Redakteurin, Wien.Das k. k. Landesgericht Wien als Preßgericht hat auf Antrag der k. k. Staatsanwaltschaft die von derselben verfügte Beschlagnahme der Nr. 13 der periodischen Druckschrift „Arbeiterinnen-Zeitung“ vom 4. Juli 1895 nach § 489 St.-P.-O. zu bestätigen gefunden, weil der Inhalt des in derselben enthaltenen Artikels mit der Aufschrift: „Frau und Eigenthum“ (auf Seite 4) die Einrichtungen der Ehe, der Familie und die Rechtsbegriffe über das Eigenthum herabwürdigt und zu erschüttern versucht, und weil sonach dessen Inhalt geeignet ist, den Thatbestand des Vergehens nach § 305 St.-G. zu begründen.
Wien, am 5. Juli 1895.
Der k. k. Präsident:
Soos.
- In: Arbeiterinnen-Zeitung, 18. Juli 1895, Titelseite
Kundmachung der Beschlagnahme, gedruckt auf Seite 1 der „Arbeiterinnen-Zeitung“ vom 18. Juli 1895, online lesen auf ANNO.
„Wie ich mich fürchtete, wenn um 6 Uhr früh der Aufseher mit einem Gefangenen kam, um Wasser zu bringen; wie es mir den Schlaf raubte, wenn bei Nacht die Gasflamme brennen blieb, damit man mich durch das Guckloch jederzeit beobachten konnte!
Beim Spaziergang im Hofe mußte ich zehn Schritte hinter den anderen Gefangenen gehen, damit sie mit mir, der ‚Politischen‘, nicht sprechen konnten. (…)
Auf meinem Lager vermeinte ich auf Steinen zu liegen und alle Glieder schmerzten mich von der Härte, aber nie kam mir der Gedanke der Reue.“
Adelheid Popp: Traurige Jugend (1927), S. 178–180; Illustration von Heinrich Pangratz.
- In: Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927), S. 179
Adelheid Popp in der Zelle. Ein Klick auf das Bild öffnet eine kurze Beschreibung davon, wie sie den Arrest erlebte.
Stimmen in der „Arbeiterinnen-Zeitung“
Politisches Engagement und Journalismus gingen auch in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ Hand in Hand. Viele Personen, deren Namen schon um 1900 in den Spalten des Blattes auftauchten, sollten in der Ersten Republik als Politiker*innen die Gesellschaft aktiv mitgestalten.
Die Journalistin und Schriftstellerin Emma Adler, geborene Braun (1858–1935), publizierte am 1. August 1901 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ unter dem Titel „Arme Leute“ einige literarische Miniaturen. Eine davon handelt von einer verzweifelten Hochschwangeren, deren Mann spurlos verschwunden ist. Emma Adler, Ehefrau von Victor Adler, dem Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, arbeitete als Journalistin auch für die „Arbeiter-Zeitung“ und andere Blätter.
Feuilleton „Arme Leute“ online lesen auf ANNO
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 72
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 72
Emma Adler
„Seine Frau wußte gar nicht, wo sie ihn suchen sollte, man sagte ihr nur, daß bei den Uferarbeiten häufig Arbeiter verschüttet werden und daß man sie nicht wiederfindet.“
In einer kleinen literarischen Skizze, publiziert am 20. August 1912 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“, widmet sich der Schriftsteller Alfons Petzold (1882–1923) einer bibliophilen Unbekannten, die mithilfe von Büchern gedanklich aus ihrem tristen Dasein flieht.
Artikel „Die Bücherfreundin“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: Pf 122116:C(1) POR MAG
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Alfons Petzold
„Oft beschäftigen sich meine Gehirnproleten, die Gedanken, mit dem Mädchen, das (…) jeden Abend um die gleiche Stunde wie ich die Bücherauslage betrachtet.“
„Klerikale Erziehung“ lautet der Titel eines Beitrages von Therese Schlesinger, geborene Eckstein (1863–1940), der am 27. Februar 1902 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ erschien. Schlesinger, die aus einer liberalen jüdischen Familie stammte, stand zunächst der bürgerlichen Frauenbewegung um Auguste Fickert und Marie Lang nahe, wandte sich dann aber der Sozialdemokratie zu.
Artikel „Klerikale Erziehung“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: Pf 32372:E (1) POR MAG
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Therese Schlesinger
„Prügel (...) haben den Klerikalen zu allen Zeiten als das wichtigste Erziehungsmittel gegolten.“
„Ueber Frauenlöhne!“ – so der Titel eines Artikels der Sozialdemokratin und Journalistin Emmy Freundlich (1878–1948), erschienen am 19. Dezember 1901 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“. Er belegte mit Zahlen, dass Frauenarbeit geringer entlohnt wurde als Männerarbeit. Freundlich, die sich unter anderem in der Konsumgenossenschaftsbewegung engagierte, war in der Ersten Republik als Politikerin tätig – im Wiener Gemeinderat, in der Konstituierenden Nationalversammlung und im Nationalrat.
Artikel „Ueber Frauenlöhne!“ online lesen auf ANNO
- ÖNB-Signatur: OEGZ/H9903 POR MAG
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Emmy Freundlich
„Durch die Jahrhunderte lange Unterdrückung ist die Frau vollständig von dem Gefühl ihrer Minderwertigkeit durchdrungen. Sie wagt nicht, die Löhne der Männer zu begehren (...).“
In der Ausgabe von 2. Dezember 1913 gibt die Pädagogin und Sozialdemokratin Leopoldine Glöckel (1871–1937) Geschenktipps fürs bevorstehende Weihnachtsfest. Von Waffen oder zerbrechlichen Puppen sollten Eltern absehen – mit den „allerliebsten, billigen Plüschbären“ läge man hingegen nie verkehrt.
Artikel „Weihnachtsgeschenke“ online lesen auf ANNO
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 124
- In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 124
Leopoldine Glöckel
„Säbel, Peitschen, Stöcke sollte man nicht schenken; diese Dinge gehören ja zum Dreinschlagen, verwenden aber die Kinder diese Sachen nach ihrer Bestimmung, so werden sie bestraft.“
Der Schriftsteller, Journalist und gelernte Buchdrucker Emil Kralik (1864–1906) schildert in einem Artikel (4. März 1892), wie gesundheitsschädlich die Arbeit in den Schriftgießereien ist. Da die Lettern für den Buch- und Zeitungsdruck aus Blei gegossen wurden, erlitten viele Arbeiter*innen Vergiftungen. Bei Schwangeren führte dies auch zu einer horrenden Rate von Fehlgeburten.
Artikel „Die Frauenarbeit in den Wiener Schriftgießereien“ online lesen auf ANNO
- In: Neue Glühlichter, 5. Dezember 1906
- In: Neue Glühlichter, 5. Dezember 1906
Emil Kralik
Es „haben von 78 Wöchnerinnen aus Schriftgießereien nur 37 normal entbunden und 41, d. i. 52,5% abortirt. Das darf wohl geradeheraus mörderische Arbeit genannt werden.“
Vorwärts!
Das ab 1907 errichtete Haus des Vorwärts-Verlages wurde zur Heimstätte etlicher sozialdemokratischer Blätter. Neben der täglich erscheinenden „Arbeiter-Zeitung“ wurde später dort unter anderem auch 14-tägig die „Arbeiterinnen-Zeitung“ produziert.
Die Parteizentrale der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei befand sich ebenfalls in dem ikonischen Gebäude auf der Rechten Wienzeile 97 (Wien-Margareten).
Das Vorwärts-Gebäude, Sitz der sozialdemokratischen Parteizentrale und mehrerer Druckmedien.
- ÖNB-Signatur: 140.868A(B) POR MAG
Das Vorwärts-Gebäude, Sitz der sozialdemokratischen Parteizentrale und mehrerer Druckmedien.
Ein Arbeiter an einer Setzmaschine im Vorwärts-Verlag.
- In: Die Unzufriedene, 18. April 1933, S. 3
Ein Arbeiter an einer Setzmaschine im Vorwärts-Verlag.
Politikerinnen und Journalistinnen
Sozialdemokratinnen 1919 im Parlament.
- ÖNB-Signatur: 118.074C POR MAG
- ÖNB-Signatur: 118.074C POR MAG
Die Aufnahme zeigt die erste Sitzung der Konstituierenden Nationalversammlung am 4. März 1919 im Parlament – ein historischer Moment: Erstmals nahmen Frauen im österreichischen Parlament Platz. In der Bildmitte sind die weiblichen Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei zu sehen.
Mehrere von ihnen verbanden Politik und Publizistik. Neben Adelheid Popp (1. Reihe links) waren auch Therese Schlesinger (1863–1940), Emmy Freundlich (1878–1948) und Anna Boschek (1874–1957) als Redakteurinnen und Autorinnen in der sozialdemokratischen Presse aktiv. Gemeinsam mit ihren Parteikolleginnen Maria Tusch (1868–1939) und Amalie Seidel (1876–1952) sowie mit Hildegard Burjan (1883–1933) von der Christlichsozialen Partei gehörten sie zu den ersten acht Parlamentarierinnen Österreichs.
Ende mit Schrecken und Neubeginn
1919 gab Adelheid Popp den Posten der verantwortlichen Redakteurin der „Arbeiterinnen-Zeitung“ ab – zumindest auf dem Papier. Nicht nur als Herausgeberin, sondern auch als Redakteurin und Autorin blieb sie federführend bis zum Verbot des Blattes 1934.
„Unzufriedene“ Schwester
Die Verantwortung in der Redaktion der „Arbeiterinnen-Zeitung“ übernahm 1919 Eugenie Brandl, geborene Fink (1883–1971). Begonnen hatte sie ihre sozialdemokratische Laufbahn als Sekretärin der „Arbeiter-Zeitung“.
Ab 1923 erhielt sie eine weitere Aufgabe: Beim neu gegründeten sozialdemokratischen Wochenblatt „Die Unzufriedene“ übernahm sie „die Riesenarbeit der Verwaltung“, so die „Arbeiter-Zeitung“ zum 70er der Genossin am 13. September 1953.
Eugenie Brandl
- In: Die Unzufriedene, 12. November 1933, S. 3
Eugenie Brandl
Ursprünglich als Propagandaorgan für die 1923 stattfindende Nationalratswahl gedacht, sollte „Die Unzufriedene“ vor allem auch Frauen auf dem Land für die Sozialdemokratie begeistern.
Die Mischung aus leicht lesbaren, mitreißenden Artikeln, Illustrationen sowie Unterhaltungs-, Ratgeber- und Weiterbildungsrubriken sprachen ein breites Publikum an.
Aufgrund ihrer großen Beliebtheit wurde „Die Unzufriedene“ auch nach geschlagenem Wahlkampf weitergeführt.
- ÖNB-Signatur: 600447-C NEU PER
Titelblatt der „Unzufriedenen“ zum 10-Jahres-Jubiläum, 10. Jg. (1933), Nr. 46 – online lesen auf ANNO.
Februar 1934: „Die Frau“ verstummt
Mit der Machtübernahme durch das austrofaschistische Dollfuß-Regime 1933 wurden Pressefreiheit und politische Rechte Schritt für Schritt eingeschränkt. Ziel war es, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Nach den Februarkämpfen von 1934, in denen Regierungstruppen den Aufstand von Arbeiter*innen blutig niederschlugen, wurde die Sozialdemokratie verboten.
Neben der „Arbeiter-Zeitung“ und vielen anderen sozialdemokratischen Organen durfte damit auch die von Adelheid Popp mitbegründete „Arbeiterinnen-Zeitung“ – 1924 war sie in „Die Frau“ umbenannt worden – in Österreich nicht mehr erscheinen.
Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ wurde 1924 in „Die Frau“ umbenannt. Zehn Jahre später erfolgte die zwangsweise Einstellung. Hier: Titelblatt der letzten Ausgabe im Februar 1934.
Adelheid Popp war zu diesem Zeitpunkt bereits gesundheitlich angeschlagen. Ihre Parteifunktionen hatte sie schon 1933 zurückgelegt. Den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 musste sie noch miterleben. Fast genau ein Jahr später, am 7. März 1939, starb sie an den Folgen eines Schlaganfalles in Wien.
Wiederbelebung 1945
„Die Frau“ wurde in der Zweiten Republik neu gegründet, vereinigt mit der „Unzufriedenen“. Gleich in der ersten Nummer gedachte die Chefredakteurin, Gabriele Proft, der verstorbenen Gründerin Adelheid Popp. Auf die Sozialdemokratin hatte in der gleichgeschalteten Presse der NS-Zeit kein Nachruf erscheinen dürfen.
Das Blatt hielt sich, zuletzt unter dem Titel „Neue Frau“, bis 1987. Damit blieb die von Adelheid Popp gegründete Zeitung – unter wechselnden Titeln und mit einer Unterbrechung – fast ein Jahrhundert lang das zentrale Forum für sozialdemokratische Frauen.
Werbeplakat für die wiedergegründete „Frau“ 1945.
Im Kontext: Proletarische Frauenpresse
Ab den 1890er-Jahren entwickelte die Arbeiter*innenbewegung eine eigene Frauenpresse in Österreich – aus dem Bedürfnis heraus, die Perspektiven von arbeitenden Frauen sichtbar zu machen. In den proletarischen Frauenzeitschriften standen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fabriksarbeiterinnen, Dienstmädchen oder Heimarbeiterinnen im Mittelpunkt: niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, beengte Wohnverhältnisse und ungesunde, oft gefährliche Arbeitsbedingungen – dazu die Doppelbelastung durch Beruf und Familie. Damit eng verbunden waren die Forderungen nach Zugang zu Bildung, gleichen Rechten und politischer Teilhabe für Frauen. Charakteristisch war die enge Verknüpfung von Alltagserfahrungen mit den großen Fragen von Klassenkampf und sozialer Gerechtigkeit.
Aus der Vielfalt der proletarischen Frauenpresse
Viele dieser Frauenzeitschriften waren eng mit politischen Parteien verbunden und dienten als Sprachrohr, Diskussionsforum und Mittel zur politischen Organisierung innerhalb der Arbeiter*innenklasse. Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ und später „Die Unzufriedene“ – sowie weitere, teils kurzlebige Titel wie „Die Wählerin“ – waren sozialdemokratisch geprägt und standen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei nahe. Kommunistische Frauenzeitschriften traten mit radikaleren Ansichten und deutlicherer Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem auf. Ein Beispiel ist „Die Arbeiterin“, die eng an die Kommunistische Partei Österreichs gebunden war.
Im Unterschied zur katholischen oder bürgerlich-liberalen Frauenpresse zeigten die proletarischen Blätter Frauen nicht nur als Mütter oder Ehefrauen, sondern als politische Akteurinnen und als Teil einer größeren Bewegung.
… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“
→ Emma Adler
→ Anna Boschek
→ Eugenie Brandl
→ Emmy Freundlich
→ Maria Grubinger
→ Leopoldine Glöckel
→ Viktoria Kofler
→ Adelheid Popp
→ Therese Schlesinger
→ Amalie Seidel
→ Maria Tusch
→ Arbeiterinnen-Bildungsverein, Wien
Literatur
Hauch, Gabriella: „Adelheid Popp, geb. Dwořak (1869–1939). Bruch-Linien einer sozialdemokratischen Frauen-Karriere“, in: Dies.: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag, 2009, S.205–223.
Klingstein, Eva: Die Frau mit Eigenschaften. Literatur und Geschlecht in der Wiener Frauenpresse um 1900. Köln, Wien: Böhlau, 1997.
Popp, Adelheid: Traurige Jugend. Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, von ihr selbst erzählt. Wien: Verlag „Die Unzufriedene“, 1927. Online lesen via ÖNB Digital
Popp, Adelheid: Der Weg zur Höhe. Die sozialdemokratische Frauenbewegung Österreichs. Ihr Aufbau, ihre Entwicklung und ihr Aufstieg. Wien: Frauenzentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs, 1929. Online lesen via ÖNB Digital
Popp, Adelheid: „Zehn Jahre Unzufriedene“, in: Die Frau. Sozialdemokratische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Frauenfragen, Literatur, Jg. 42 (1933), Nr. 12, S. 6–7. Online lesen auf ANNO