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Sprachrohr der Unzufriedenen

Adelheid Popp und die „Arbeiterinnen-Zeitung“

Die 1892 gegründete „Arbeiterinnen-Zeitung“ wandte sich gezielt an proletarische Frauen, die als Leserinnen in der politischen Presse bis dahin nicht beachtet worden waren. Unter der langjährigen leitenden Redakteurin Adelheid Popp, geborene Dwořak (1869–1939), griff das Blatt jene Themen auf, die ihr Leben bestimmten – harte Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Not, beengte Wohnverhältnisse, Mehrfachbelastung durch Familie und Haushalt, fehlender Zugang zu Bildung – und stellte sie in den größeren Zusammenhang der Forderung nach gleichen Rechten. So wurde die „Arbeiterinnen-Zeitung“ zu einem wichtigen Motor der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Österreich.

Ein Fabriksmädchen erhebt die Stimme

Eine eigene Zeitung zu haben – das war für die junge Arbeiter*innenbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert ein hohes Gut. Sie diente nicht nur zur Information, sondern sollte – als Symbol für den gemeinsamen Kampf – auch Zusammenhalt und Klassenbewusstsein stärken. Für die jugendliche Arbeiterin Adelheid Dwořak (1869–1939), die unter ihrem Ehenamen Popp eine der prägendsten Figuren der sozialdemokratischen Frauenbewegung werden sollte, waren Zeitungen auch geistige Nahrung, die sie zuweilen mehr brauchte als einen Bissen Brot: „Schon als Lehrmädchen“, schrieb sie in ihren Lebenserinnerungen, „habe ich mir oft nichts zu essen gegönnt, um mir eine Zeitung kaufen zu können.“

Leselust trotz Armut – Adelheid Popp als Mädchen, vertieft in ihre Lektüre. 

Die Blätter, die die österreichische Sozialdemokratie hervorbrachte – etwa die 1886 (wieder-)gegründete „Gleichheit“ oder die ab 1889 erscheinende „Arbeiter-Zeitung“ – sprachen ein männliches Lesepublikum an. So erinnerte sich Adelheid Popp später: „[A]lle Aufforderungen ‚meiner Zeitung‘ waren immer nur an die Arbeiter, an die Männer gerichtet.“ Als einmal ausnahmsweise doch ein Artikel explizit Frauen thematisierte, schlug er bei der jungen Adelheid ein wie eine Bombe. In ihren Lebenserinnerungen – 1909 erstmals unter dem Titel „Jugendgeschichte einer Arbeiterin von ihr selbst erzählt“ veröffentlicht und später vielfach neu aufgelegt – sollte sie schreiben: 

„Ich konnte das Gelesene unmöglich für mich behalten (…). Ich stieg zu Hause auf einen Stuhl und hielt eine Ansprache, wie ich es machen würde, wenn ich in einer Versammlung zu reden hätte.“

Adelheid Popp, Traurige Jugend (1927)

„Und nun, Genossinnen, an’s Werk!“

Mit diesen Worten schloss ein Appell zur Gründung einer „Arbeiterinnen-Zeitung“, der am 2. Oktober 1891 auf dem Titelblatt der „Arbeiter-Zeitung“ prangte – ein erster Erfolg der Genossinnen, die gegen den Widerstand der sozialdemokratischen Männer ankämpfen mussten.

„Für eine geeignete Redaktion ist gesorgt; tüchtige Genossinnen im In- und Auslande haben ihre Mitarbeiterschaft bereits zugesagt“, so der Aufruf. „Was aber fehlt, sind die Geldmittel“. Nun galt es, für die „Arbeiterinnen-Zeitung“ zu laufen und Subskriptionen sowie Spenden einzusammeln.

Neun Frauen hatten den Aufruf unterzeichnet. Ganz oben auf der Liste: Adelheid Dwořack (sic), Gaudenzdorf, Plankengasse 7 (nun Diefenbachgasse, Wien 15).

Aus dem Aufruf zur Gründung der „Arbeiterinnen-Zeitung“, gedruckt auf Seite 1 der „Arbeiter-Zeitung“ vom 2. Oktober 1891 – online lesen auf ANNO.

Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ erwacht

Das Unternehmen gelang: Die allererste Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“ erschien am 1. Jänner 1892. 

„Frauen auch zum politischen Kampf erziehen“

Der Leitartikel der ersten Nummer erschien ohne Angabe eines Namens. Wie aus späteren Äußerungen bekannt ist, stammt der Text „Zur Einführung“ aus der Feder Adelheid Dwořaks (online lesen auf ANNO). Im Folgenden sind einige Passagen daraus zitiert (bitte weiterklicken):
 

„Die ernstesten Interessen der Arbeiterinnen sind es, die diese Schrift vertreten soll. Die gedrückte Lage aller Lohnarbeiterinnen macht es zur dringenden Pflicht, daß endlich ein Mittel gefunden werde, mit welchem es möglich ist, alle gerechtfertigten Klagen und Beschwerden der weiblichen Arbeiter in die Oeffentlichkeit zu bringen“.

„Alle Arbeiterinnen, ohne Unterschied, alle leiden unter der Rechtlosigkeit, Brutalität und Ausbeutung ihrer sogenannten Herren. Viele der Lohnsklavinnen arbeiten vom grauenden Morgen bis in die späte Nacht, während Tausende ihrer Mitschwestern arbeitslos die Thore der Fabriken und Werkstätten belagern“.

„Die ‚Arbeiterinnen-Zeitung‘ macht es Euch möglich, alle gewissenlosen Ausbeuter an den Pranger zu stellen, (...) sie will überhaupt Aufklärung verbreiten, die Frauen auch zum politischen Kampf erziehen (…) und die Erkenntnis verbreiten, (…) daß wir, männliche und weibliche Arbeiter, uns zum treuen Bunde die Hände reichen sollen.“

„Kaufet und leset die ‚Arbeiterinnen-Zeitung‘, sorgt unermüdlich für ihre Verbreitung, und wenn Ihr sie gelesen habt, dann gebt sie auch den Aermsten, Denjenigen, die so niedrige Löhne haben, daß sie auf ihr karges Mittagbrot verzichten müßten, wollten sie sich dieses Blatt kaufen“.

Adelheid Dwořak als junge Frau.

Im Impressum waren zwar drei Frauen als „Eigenthümer“ genannt – Adelheid Dwořak, Marie Grubinger und Viktoria Kofler –, tatsächlich aber wurde das neue Blatt zunächst von der männlichen Belegschaft der „Arbeiter-Zeitung“ herausgegeben und redigiert. Man traute den Frauen schlicht nicht zu, diese Arbeit selbst zu besorgen.

Impressum der ersten Ausgabe der „Arbeiterinnen-Zeitung“.

  • Obwohl fünffache Mutter und, wie so viele Arbeiter*innen, durch Lungentuberkulose geschwächt, war Viktoria Kofler Tag und Nacht für die Belange der Frauen in der Partei auf den Beinen. So wurde auf ihren Aufruf hin ein Arbeiterinnen-Bildungsverein gegründet. Sie soll die Erste gewesen sein, die die Gründung eines proletarischen Frauenblattes anregte. 

    Sie verfasste auch selbst Artikel für die „Arbeiterinnen-Zeitung“ und blieb bis zu ihrem Tod 1894 deren Herausgeberin. 

  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 16
  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 16

Viktoria Kofler

  • Von Beruf eigentlich Schneiderin, war Marie (auch Maria) Grubinger eine der frühesten Mitstreiterinnen Adelheid Dwořaks, die sich in ihrem Werk „Der Weg zur Höhe“ erinnerte: „Sie und ich veranstalteten zahlreiche allgemein zugängliche Versammlungen in fast allen Wiener Bezirken und auch in der Provinz.“

    Bei der Gründung der „Arbeiterinnen-Zeitung“ kümmerte Grubinger sich etwa um die mühevolle Anwerbung von Abonnentinnen, teilte Subskriptionsbögen aus oder hob die Beiträge ein.

    Bis Ende 1892 schien sie als Eigentümerin des Blattes auf, nicht lange danach verliert sich ihre Spur: Über Grubingers weiteres Schicksal wissen wir wenig. Nicht einmal ihre Lebensdaten sind bisher bekannt.

  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 20
  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 20

Marie Grubinger

Dass es Männer waren, die die „Arbeiterinnen-Zeitung“ machten – damit wollten sich die Genossinnen nicht abfinden. Beim Parteitag zu Pfingsten 1892 setzten sie gegen allerlei Widerstände und Einwände eine weibliche Redaktion durch.

„(…) es gebe noch keine Genossin, die den Befähigungsnachweis zur Redakteurin erbracht hätte. Wir fragten die Genossen, (…) wie sie den Befähigungsnachweis erbracht hätten, ehe ihnen Gelegenheit gegeben war, bei solcher Arbeit tätig zu sein. Viktor Adler sagte, die Ausführungen der weiblichen Delegierten seien der beste Befähigungsnachweis. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.“

Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)

Redakteurin mit klarer Haltung

Zur Leiterin der „Arbeiterinnen-Zeitung“ wurde die damals 22-jährige Adelheid Dwořak erklärt. Am 15. Oktober 1892 machte sie sich das erste Mal auf den Weg in die Amerlingstraße 5 im 6. Wiener Gemeindebezirk. Dort befand sich damals die Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“. 

Blick in die Amerlingstraße in Richtung Mariahilferstraße (um 1900). Ansichtskarte einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.

  • Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 185521
Digitalisierte Ansichtskarte, um 1900: gepflasterte Amerlingstraße mit Häusern links und rechts, vorne ein Leiterwagen, weiter hinten ein Pferdefuhrwerk; am unteren Rand sind Ortsangaben aufgedruckt: Amerlingstraße, Städt. Bezirksamt, Wien IV. und Staats-Gymnasium..
  • Wien Museum Online Sammlung, Inventarnummer: 185521

Blick in die Amerlingstraße in Richtung Mariahilferstraße (um 1900). Ansichtskarte einsehbar in der Online Sammlung des Wien Museums.

Kein eigener Schreibtisch

Von den Redakteuren Ludwig August Bretschneider und Jakob Reumann wird sie freundlich empfangen. Sie bekommt einen Platz am Sitzungstisch in der Mitte des Raumes zugewiesen. 

„Für einen dritten Schreibtisch in Fensternähe wäre in dem einen Zimmer, aus welchem Redaktion und Sekretariat bestanden, nicht Platz gewesen.“ 

Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)

Redakteure der „Arbeiter-Zeitung“ (von links): Ludwig August Bretschneider (1860–1929) und Jakob Reumann (1853–1925), der spätere Wiener Bürgermeister.

Wer heizt zuerst ein?


„Es war ein ungemütlicher Oktobertag, der 15., an welchem ich in der Redaktion zu arbeiten begann. Die Genossen rieben sich fröstelnd die Hände. Ich fror auch und hätte gern meine Kunst im Feuermachen gezeigt, aber eines stand mir vor Augen: daß es wichtig sei, den Genossen gleichwertig zu erscheinen. (...) Ich hatte Angst, schließlich als ‚Mädchen für alles‘ behandelt zu werden und ließ alle Stoßseufzer nach Heizung ungehört.“

Adelheid Popp: Der Weg zur Höhe (1929)

Weil sie nach damaligem Recht erst mit ihrem 24. Geburtstag die Volljährigkeit erreichte, dauerte es noch einige Monate, bevor die Schriftleiterin auch im Impressum ausgewiesen wurde. Am 17. Februar 1893, sechs Tage nach ihrem Geburtstag, war es so weit: „Für die Redaktion verantwortlich: Adelheid Dwořak.“

  • Im Wortlaut:

    Herausgeberin: Viktoria Kofler. – Für die Redaktion verantwortlich: Adelheid Dwořak. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien IX. Alserstraße 32.

  • In: Arbeiterinnen-Zeitung, 17. Februar 1893, S. 8
Scan des Impressums einer Zeitschrift in Schwarz-weiß, abgedruckt in Fraktur.
  • In: Arbeiterinnen-Zeitung, 17. Februar 1893, S. 8

Doch was bedeutete es eigentlich, für die Redaktion „verantwortlich“ zu sein? 

Stimmen in der „Arbeiterinnen-Zeitung“

Politisches Engagement und Journalismus gingen auch in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ Hand in Hand. Viele Personen, deren Namen schon um 1900 in den Spalten des Blattes auftauchten, sollten in der Ersten Republik als Politiker*innen die Gesellschaft aktiv mitgestalten.

  • Die Journalistin und Schriftstellerin Emma Adler, geborene Braun (1858–1935), publizierte am 1. August 1901 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ unter dem Titel „Arme Leute“ einige literarische Miniaturen. Eine davon handelt von einer verzweifelten Hochschwangeren, deren Mann spurlos verschwunden ist. Emma Adler, Ehefrau von Victor Adler, dem Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, arbeitete als Journalistin auch für die „Arbeiter-Zeitung“ und andere Blätter.

    Feuilleton „Arme Leute“ online lesen auf ANNO

  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 72
Scan eines Schwarz-weiß-Porträts von Emma Adler, abgedruckt in einem Buch: junge Frau mit hochgestecktem, welligem Haar, im hellen Oberteil, Blick leicht an der Kamera vorbei.
  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 72

Emma Adler

„Seine Frau wußte gar nicht, wo sie ihn suchen sollte, man sagte ihr nur, daß bei den Uferarbeiten häufig Arbeiter verschüttet werden und daß man sie nicht wiederfindet.“

  • In einer kleinen literarischen Skizze, publiziert am 20. August 1912 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“, widmet sich der Schriftsteller Alfons Petzold (1882–1923) einer bibliophilen Unbekannten, die mithilfe von Büchern gedanklich aus ihrem tristen Dasein flieht.

    Artikel „Die Bücherfreundin“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: Pf 122116:C(1) POR MAG
Sepiafarbene Porträtfotografie von Alfons Petzold: mit gescheiteltem Haar, im Anzug, Kopf auf die rechte Hand gestützt, Blick knapp an der Kamera vorbei.
  • ÖNB-Signatur: Pf 122116:C(1) POR MAG

Alfons Petzold

„Oft beschäftigen sich meine Gehirnproleten, die Gedanken, mit dem Mädchen, das (…) jeden Abend um die gleiche Stunde wie ich die Bücherauslage betrachtet.“

  • „Klerikale Erziehung“ lautet der Titel eines Beitrages von Therese Schlesinger, geborene Eckstein (1863–1940), der am 27. Februar 1902 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ erschien. Schlesinger, die aus einer liberalen jüdischen Familie stammte, stand zunächst der bürgerlichen Frauenbewegung um Auguste Fickert und Marie Lang nahe, wandte sich dann aber der Sozialdemokratie zu.

    Artikel „Klerikale Erziehung“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: Pf 32372:E (1) POR MAG
Sepiafarbenes Ovalporträt von Therese Schlesinger: kraus gewelltes, hochgestecktes Haar, Brille mit runden Gläsern an einem Band, dazu eine Kette; sie ist leicht seitlich dargestellt und blickt rechts an der Kamera vorbei.
  • ÖNB-Signatur: Pf 32372:E (1) POR MAG

Therese Schlesinger

„Prügel (...) haben den Klerikalen zu allen Zeiten als das wichtigste Erziehungsmittel gegolten.“

  • „Ueber Frauenlöhne!“ – so der Titel eines Artikels der Sozialdemokratin und Journalistin Emmy Freundlich (1878–1948), erschienen am 19. Dezember 1901 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“. Er belegte mit Zahlen, dass Frauenarbeit geringer entlohnt wurde als Männerarbeit. Freundlich, die sich unter anderem in der Konsumgenossenschaftsbewegung engagierte, war in der Ersten Republik als Politikerin tätig – im Wiener Gemeinderat, in der Konstituierenden Nationalversammlung und im Nationalrat. 

    Artikel „Ueber Frauenlöhne!“ online lesen auf ANNO

  • ÖNB-Signatur: OEGZ/H9903 POR MAG
Schwarz-weiß-Fotografie von Emmy Freundlich: sitzend am Tisch, mit gescheiteltem, gewelltem Haar, hält einen Stift über beschriebenem Papier, die andere Hand geballt daneben; direkter Blick in die Kamera.
  • ÖNB-Signatur: OEGZ/H9903 POR MAG

Emmy Freundlich

„Durch die Jahrhunderte lange Unterdrückung ist die Frau vollständig von dem Gefühl ihrer Minderwertigkeit durchdrungen. Sie wagt nicht, die Löhne der Männer zu begehren (...).“

  • In der Ausgabe von 2. Dezember 1913 gibt die Pädagogin und Sozialdemokratin Leopoldine Glöckel (1871–1937) Geschenktipps fürs bevorstehende Weihnachtsfest. Von Waffen oder zerbrechlichen Puppen sollten Eltern absehen – mit den „allerliebsten, billigen Plüschbären“ läge man hingegen nie verkehrt.

    Artikel „Weihnachtsgeschenke“ online lesen auf ANNO

  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 124
Scan eines Schwarz-weiß-Porträts von Leopoldine Glöckel, abgedruckt in einem Buch: mit krausem, vermutlich zurückgestecktem Haar, im Oberteil mit auffälligen Ärmeln und Brosche am Kragen.
  • In: Adelheid Popp, Der Weg zur Höhe (1929), S. 124

Leopoldine Glöckel

„Säbel, Peitschen, Stöcke sollte man nicht schenken; diese Dinge gehören ja zum Dreinschlagen, verwenden aber die Kinder diese Sachen nach ihrer Bestimmung, so werden sie bestraft.“

  • Der Schriftsteller, Journalist und gelernte Buchdrucker Emil Kralik (1864–1906) schildert in einem Artikel (4. März 1892), wie gesundheitsschädlich die Arbeit in den Schriftgießereien ist. Da die Lettern für den Buch- und Zeitungsdruck aus Blei gegossen wurden, erlitten viele Arbeiter*innen Vergiftungen. Bei Schwangeren führte dies auch zu einer horrenden Rate von Fehlgeburten.

    Artikel „Die Frauenarbeit in den Wiener Schriftgießereien“ online lesen auf ANNO

  • In: Neue Glühlichter, 5. Dezember 1906
Schwarz-weiß-Porträtfotografie von Emil Kralik: mit gescheiteltem, dunklem Haar und Geheimratsecken, Schnurrbart mit gezwirbelten Enden, im Hemd mit weißer Krawatte und Jackett; Kopf und Blick nach rechts.
  • In: Neue Glühlichter, 5. Dezember 1906

Emil Kralik

Es „haben von 78 Wöchnerinnen aus Schriftgießereien nur 37 normal entbunden und 41, d. i. 52,5% abortirt. Das darf wohl geradeheraus mörderische Arbeit genannt werden.“

Politikerinnen und Journalistinnen

Ende mit Schrecken und Neubeginn

1919 gab Adelheid Popp den Posten der verantwortlichen Redakteurin der „Arbeiterinnen-Zeitung“ ab – zumindest auf dem Papier. Nicht nur als Herausgeberin, sondern auch als Redakteurin und Autorin blieb sie federführend bis zum Verbot des Blattes 1934.

Februar 1934: „Die Frau“ verstummt

Mit der Machtübernahme durch das austrofaschistische Dollfuß-Regime 1933 wurden Pressefreiheit und politische Rechte Schritt für Schritt eingeschränkt. Ziel war es, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Nach den Februarkämpfen von 1934, in denen Regierungstruppen den Aufstand von Arbeiter*innen blutig niederschlugen, wurde die Sozialdemokratie verboten.

Neben der „Arbeiter-Zeitung“ und vielen anderen sozialdemokratischen Organen durfte damit auch die von Adelheid Popp mitbegründete „Arbeiterinnen-Zeitung“ – 1924 war sie in „Die Frau“ umbenannt worden – in Österreich nicht mehr erscheinen.

Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ wurde 1924 in „Die Frau“ umbenannt. Zehn Jahre später erfolgte die zwangsweise Einstellung. Hier: Titelblatt der letzten Ausgabe im Februar 1934.

Adelheid Popp war zu diesem Zeitpunkt bereits gesundheitlich angeschlagen. Ihre Parteifunktionen hatte sie schon 1933 zurückgelegt. Den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 musste sie noch miterleben. Fast genau ein Jahr später, am 7. März 1939, starb sie an den Folgen eines Schlaganfalles in Wien.

Wiederbelebung 1945

„Die Frau“ wurde in der Zweiten Republik neu gegründet, vereinigt mit der „Unzufriedenen“. Gleich in der ersten Nummer gedachte die Chefredakteurin, Gabriele Proft, der verstorbenen Gründerin Adelheid Popp. Auf die Sozialdemokratin hatte in der gleichgeschalteten Presse der NS-Zeit kein Nachruf erscheinen dürfen.

Das Blatt hielt sich, zuletzt unter dem Titel „Neue Frau“, bis 1987. Damit blieb die von Adelheid Popp gegründete Zeitung – unter wechselnden Titeln und mit einer Unterbrechung – fast ein Jahrhundert lang das zentrale Forum für sozialdemokratische Frauen.

Werbeplakat für die wiedergegründete „Frau“ 1945.

Im Kontext: Proletarische Frauenpresse

Ab den 1890er-Jahren entwickelte die Arbeiter*innenbewegung eine eigene Frauenpresse in Österreich – aus dem Bedürfnis heraus, die Perspektiven von arbeitenden Frauen sichtbar zu machen. In den proletarischen Frauenzeitschriften standen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fabriksarbeiterinnen, Dienstmädchen oder Heimarbeiterinnen im Mittelpunkt: niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, beengte Wohnverhältnisse und ungesunde, oft gefährliche Arbeitsbedingungen – dazu die Doppelbelastung durch Beruf und Familie. Damit eng verbunden waren die Forderungen nach Zugang zu Bildung, gleichen Rechten und politischer Teilhabe für Frauen. Charakteristisch war die enge Verknüpfung von Alltagserfahrungen mit den großen Fragen von Klassenkampf und sozialer Gerechtigkeit.

Aus der Vielfalt der proletarischen Frauenpresse

Viele dieser Frauenzeitschriften waren eng mit politischen Parteien verbunden und dienten als Sprachrohr, Diskussionsforum und Mittel zur politischen Organisierung innerhalb der Arbeiter*innenklasse. Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ und später „Die Unzufriedene“ – sowie weitere, teils kurzlebige Titel wie „Die Wählerin“ – waren sozialdemokratisch geprägt und standen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei nahe. Kommunistische Frauenzeitschriften traten mit radikaleren Ansichten und deutlicherer Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem auf. Ein Beispiel ist „Die Arbeiterin“, die eng an die Kommunistische Partei Österreichs gebunden war.

Im Unterschied zur katholischen oder bürgerlich-liberalen Frauenpresse zeigten die proletarischen Blätter Frauen nicht nur als Mütter oder Ehefrauen, sondern als politische Akteurinnen und als Teil einer größeren Bewegung. 

… im Ariadne-Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“

→ Emma Adler
→ Anna Boschek
→ Eugenie Brandl
→ Emmy Freundlich
→ Maria Grubinger
→ Leopoldine Glöckel
→ Viktoria Kofler
→ Adelheid Popp
→ Therese Schlesinger
→ Amalie Seidel
→ Maria Tusch

→ Arbeiterinnen-Bildungsverein, Wien


Literatur

Hauch, Gabriella: „Adelheid Popp, geb. Dwořak (1869–1939). Bruch-Linien einer sozialdemokratischen Frauen-Karriere“, in: Dies.: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag, 2009, S.205–223.

Klingstein, Eva: Die Frau mit Eigenschaften. Literatur und Geschlecht in der Wiener Frauenpresse um 1900. Köln, Wien: Böhlau, 1997.

Popp, Adelheid: Traurige Jugend. Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, von ihr selbst erzählt. Wien: Verlag „Die Unzufriedene“, 1927. Online lesen via ÖNB Digital

Popp, Adelheid: Der Weg zur Höhe. Die sozialdemokratische Frauenbewegung Österreichs. Ihr Aufbau, ihre Entwicklung und ihr Aufstieg. Wien: Frauenzentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs, 1929. Online lesen via ÖNB Digital

Popp, Adelheid: „Zehn Jahre Unzufriedene“, in: Die Frau. Sozialdemokratische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Frauenfragen, Literatur, Jg. 42 (1933), Nr. 12, S. 6–7. Online lesen auf ANNO

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Journalistin im Dienste Gottes