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Physiognomische Darstellungsformen

Lavater gab in seinen Briefen an Daniel Chodowiecki und an andere Künstler*innen immer wieder genaue Anweisungen, wie er die von ihm bestellten Bildgegenstände dargestellt wissen wollte. Er bevorzugte dabei eine Reihe ganz bestimmter Darstellungsweisen und -techniken, die charakteristisch sind für die meisten Blätter, die zwecks physiognomischer Studien für ihn angefertigt wurden. Grundlegend dafür waren Lavaters Ansichten bezüglich der Aussagekraft bestimmter Teile des Gesichtes sowie seine Bevorzugung von Linien und der festen Strukturen des Schädels. Andererseits verfolgte er mit seinen visuellen Strategien auch das Ziel, den Leser*innen seiner Werke seine physiognomischen Anschauungen in besonders überzeugender Weise anschaulich zu vermitteln. In diesem Sinn bedingte der Kontext, in dem ein Bild zu Demonstrationszwecken verwendet wurde, manchmal die Form seiner Darstellung.

Umrisslinienzeichnungen

Mit Abstand die meisten der von Lavater selbst in Auftrag gegebenen bildlichen Darstellungen sind als sogenannte Umrisslinienzeichnungen ausgeführt. Anders als der Name nahelegen würde, bestehen diese jedoch nicht allein aus Umrissen. Eine Binnenzeichnung ist durchaus vorhanden, doch beschränkt sich diese auf Linien. Was den Umrisslinienzeichnungen fehlt, sind Schattierungen.

  • Unbekannter Künstler: Bildnis eines Unbekannten, Kreidezeichnung, LAV 187/9883
Bildnis eines Unbekannten
  • Unbekannter Künstler: Bildnis eines Unbekannten, Kreidezeichnung, LAV 187/9883
  • Künstlerkreis Lavater: Umrisslinienzeichnung nach einem Bildnis eines Unbekannten, Federzeichnung, LAV 129/16408
Umrisslinienzeichnung nach einem Bildnis eines Unbekannten
  • Künstlerkreis Lavater: Umrisslinienzeichnung nach einem Bildnis eines Unbekannten, Federzeichnung, LAV 129/16408
  • Künstlerkreis Lavater: Godfrey Kneller, 1774-77, Federzeichnung, LAV 319/4203
Gezeichnetes Porträt von Godfrey Kneller
  • Künstlerkreis Lavater: Godfrey Kneller, 1774-77, Federzeichnung, LAV 319/4203
  • Künstlerkreis Lavater: Madonna nach Il Sassoferato, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 132/16537
Madonna nach Sassoferato
  • Künstlerkreis Lavater: Madonna nach Il Sassoferato, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 132/16537

Tableaus: Kontraste und feine Unterschiede

„Ich werde daher in diesem Werke alle Gelegenheit ergreifen, meine Leser auf die kleinsten, kaum bemerkbaren Unterschiede gewisser Gesichter und Gesichtszüge, die sich beym ersten flüchtigen Anblick ähnlich scheinen, aufmerksam zu machen.“ (Johann Caspar Lavater)

Viele der Tafeln, mit denen die „Physiognomischen Fragmente“ illustriert sind, zeigen mehrere Reihen gleichartiger Darstellungen. Auch die Sammlung enthält solche Tableaus, die als Umrisslinienzeichnungen ausgeführt sind. Oft nutzte Lavater die Zusammenstellungen, um in seinen Kommentaren Vergleiche – etwa zwischen gleichen Gesichtsteilen verschiedener Köpfe – anzustellen. Die Stichhaltigkeit seiner Behauptungen wird dabei manchmal durch besonders kontrastierende Darstellungen anschaulich untermauert. Daneben finden sich aber auch zahlreiche Tableaus mit sehr ähnlichen Köpfen, die in Details geringfügige Änderungen aufweisen. Lavater dienten diese als Demonstrationsobjekte, um den „physiognomischen Beobachtungsgeist“ zu schulen.

  • Künstlerkreis Lavater: Tableau mit vier Variationen eines männlichen Kopfes, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 69/19711
Tableau mit vier Variationen eines männlichen Kopfes (Phlegmatiker)
  • Künstlerkreis Lavater: Tableau mit vier Variationen eines männlichen Kopfes, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 69/19711
  • Künstlerkreis Lavater: Zwei männliche Köpfe, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 71/19772
Zwei männliche Köpfe
  • Künstlerkreis Lavater: Zwei männliche Köpfe, 1770-1797, Federzeichnung, LAV 71/19772

Stufen: Metamorphosen zwischen Extremen

Eine spezielle Form der Zusammenstellung mehrerer, inhaltlich und formal zusammenhängender Darstellungen sind die sogenannten Stufen. Mit dem Ausdruck „Stufe“ bezeichnete Lavater die Metamorphose eines Kopfes von einem bestimmten Extrem zu seinem Gegenteil. Häufige Gegensatzpaare sind: Tier-Mensch, Schönheit-Hässlichkeit, Tugend-Laster, Dummheit-Verstand/Vernunft, Stärke-Schwäche. Wegen der Häufigkeit, mit der diese oder ähnliche Begriffe auch sonst in Lavaters Kommentaren vorkommen, kann man vermuten, dass es sich um Kategorien handelt, die grundlegend für sein physiognomisches Weltbild sind.

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Künstlerkreis Lavater: 18 Stufen von groteskem Kopf mit Eselsohren zu menschlichem Kopf, um 1790/1800, Federzeichnungen, LAV 316

Abstrakte Linien

Lavater interessierte sich bei Gesichtsdarstellungen hauptsächlich für die die Formen umschließenden Linien, die er als die primären Ausdrucksträger des Charakters betrachtete. Aufgrund dieser Überzeugung war er auf der Suche nach einer elementaren Typologie der Linien. Im zweiten Band der „Physiognomischen Fragmente“ symbolisiert die Titelvignette „drey Hauptklassen von Menschen und Menschenwerken“ durch drei Linien.

  • Johann Rudolf Schellenberg: Drei Hauptklassen der Menschheit, 1776, Feder- und Pinselzeichnung, LAV 692/13401
Drei Hauptklassen der Menschheit
  • Johann Rudolf Schellenberg: Drei Hauptklassen der Menschheit, 1776, Feder- und Pinselzeichnung, LAV 692/13401

Fünf Blätter aus dem Manuskript „Physiognomische Regeln“ von Johann Caspar Lavater, 1789, LAV 753

  • Bindman: Frog to Apollo: a French Print after Lavater and Pre-Darvinian Theories of Evolution. Print Quaterly 28, 4 (2011), S. 392-395.
  • Kippenberg, Anton: Die Technik der Silhouette. Jahrbuch der Sammlung Kippenberg 1 (1921), S. 132-177.
  • Lovejoy, Arthur O.: The Great Chain of Being. A Study of the History of an Idea. Cambridge, Mass. 1953.
  • Ohage, August: Über Silhouetten, die Fotos der Goethezeit. In: Mittler, Elmar (Hg.): „Göthe ist schon mehrere Tage hier, warum weiß Gott und Göthe“. Vorträge zur Ausstellung „Der gute Kopf leuchtet überall hervor“ - Goethe, Göttingen und die Wissenschaft. Göttingen 2000, S. 55-88.
  • Rosenberg, Raphael: Johann Caspar Lavater: die Revolution der Physiognomie aus dem Geist der ästhetischen Linientheorie. In: Haldemann, Matthias (Hg.): Linea - vom Umriss zur Aktion. Ostfildern 2010, S. 72-85.
  • Schögl, Uwe: Vom Frosch zum Dichter-Apoll. In: Mraz, Gerda, Schögl, Uwe (Hg.): Das Kunstkabinett des Johan Caspar Lavater. Wien 1999, S. 164-171.
  • Schögl, Uwe: Ikonische Kompositionalität: Gedanken zu Johann Caspar Lavaters Bilddenken. Librarium, Zeitschrift der Schweizer Bibliophilen-Gesellschaft 55 (2012), S. 108-124.
  • Swoboda, Gudrun: Stuffen in Lavaters „Physionomischen Kabinett“. Gesichtslinien zwischen morphologischem Experiment und metrischer Bestimmung. Biblos 50, 1 (2001), S. 143-160.
  • Swoboda, Grudrun: Lavaters Linienspiele. Techniken der Illustration und Verfahren graphischer Bildbearbeitung in einer physiognomischen Studiensammlung des 18. Jahrhunderts. Disseratation. Wien 2002.
  • Swoboda, Gudrun: Lavater sammelt Linien: zu seinem Versuch einer universellen Klassifikation linearer Ausdrucksformen im Anschluss an Dürer und Hogarth. In: Schubiger, Benno (Hg.): Sammeln und Sammlungen im 18. Jahrhundert in der Schweiz. Akten des Kolloquiums Basel, 16.-18. Oktober 2003. Genf 2007, S. 315-339.
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